Thema des Monats: Fachkräfteengpässe

Engpässen mit überregionaler Rekrutierung begegnen

Haben auch Sie in den letzten Wochen, Monaten und Jahren immer größere Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Stellen? Sie sind mit dieser Erfahrung nicht allein. Im Gegenteil: In ganz Deutschland – in einigen Regionen stärker als in anderen – ist der Fachkräftemangel inzwischen deutlich zu spüren. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2015 haben bereits 46 Prozent aller Unternehmen mit Besetzungsproblemen zu kämpfen. Die neue KOFA-Studie „Fachkräfteengpässe in Unternehmen: Regionale Fachkräftesituation und Mobilität“ bestätigt diese Aussage vieler Arbeitgeber. Tatsächlich sind immer mehr Berufe und Regionen von Fachkräfteengpässen betroffen. Als Engpassberuf wird ein Beruf bezeichnet, wenn es weniger als zwei Arbeitslose je gemeldeter Stelle gibt. Damit wird berücksichtigt, dass weniger als jede zweite Stelle auch bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldet wird. Folgt man dieser Definition, lagen 2016 bundesweit ganze 49 Prozent aller Stellen in Engpassberufen. Fünf Jahre zuvor waren es noch 41 Prozent. Am stärksten betroffen war Baden-Württemberg, wo 72 Prozent der Stellen in Engpassberufen ausgeschrieben waren. Insgesamt gesehen hat sich die Situation über die vergangenen fünf Jahre hinweg immer mehr verhärtet, sodass an vielen Stellen inzwischen nicht mehr von zeitweisen Engpässen, sondern vielmehr von einem dauerhaften Mangel gesprochen werden kann.

Nicht alle Regionen gleich vom Fachkräftemangel betroffen

Der Fachkräftemangel betrifft allerdings nicht alle Regionen und Berufe in gleicher Weise. Das ist für Arbeitgeber eine Chance: Ein Beruf, der in einer bestimmten Region ein Engpassberuf ist, kann in einer anderen Region vielleicht ohne weitere Schwierigkeiten besetzt werden, weil dort genügend passend qualifizierte Arbeitslose zur Verfügung stehen. Ein Blick in die Statistik der Gartenbau- und Floristikberufe im niedersächsischen Helmstedt beispielsweise zeigt: 28 Stellen konnten hier in einem durchschnittlichen Monat des Jahres 2016 nicht mit Arbeitskräften aus der Region besetzt werden. In angrenzenden Regionen hingegen, beispielsweise Magdeburg oder Stendal, konnten viele Arbeitslose keine passende Stelle finden. Wenn beide Seiten zusammengebracht würden, könnte der Engpass in Helmstedt geschlossen werden – ohne dass hierdurch in den umliegenden Regionen neue Engpässe entstehen würden. Beispiele wie dieses existieren auch für viele andere Branchen und Regionen. Die Mobilität der Arbeitskräfte ist eine wichtige Stellschraube, an der Arbeitgeber drehen können, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Insgesamt könnten etwa 42.700 Stellen mehr besetzt werden, wenn Arbeitgeber mehr Fachkräfte überregional anwerben würden. Anders ausgedrückt: Von den derzeit nicht besetzbaren Stellen könnte jede achte mithilfe überregionaler Rekrutierung besetzt werden.

Stellen überregional besetzen: Darauf kommt es an

Die Frage, die sich anschließt, liegt auf der Hand, denn mit einer überregionalen Ausschreibung allein ist es noch nicht getan. Auf Seiten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern können schnell Unsicherheiten entstehen, wenn größere Entfernungen zwischen Arbeits- und Wohnort liegen. Was also müssen Sie beachten, wenn eine Stelle von einer Fachkraft besetzt werden soll, die eventuell noch nicht einmal in der Region ansässig ist, in der sie arbeiten soll? Dafür sind ganz verschiedene Lösungen denkbar, die wir Ihnen im Folgenden vorstellen möchten:

Empfehlung 1: Nutzen Sie den digitalen Fortschritt

Wenn der Weg zwischen Arbeits- und Wohnort weit ist, möchte und kann nicht jeder Arbeitnehmer eine Arbeitsstelle antreten. Familiäre Verpflichtungen sind nur einer von vielen Gründen, aus denen lange Arbeitswege nicht jedem täglich zumutbar sind. Je nachdem, welche Tätigkeiten die potenziellen neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übernehmen sollen, können Sie die technischen Errungenschaften der letzten Jahre für sich nutzen – beispielsweise, indem Sie überregional rekrutierten Fachkräften anbieten, hauptsächlich oder zeitweise von zuhause aus zu arbeiten. Auch eine Teilzeittätigkeit, die die Anzahl der Pendeltage reduziert, entlastet Beschäftigte und kann sie so überzeugen, trotz mittlerer Entfernung eine Stelle anzutreten. Die KOFA-Handlungsempfehlung „Flexible Arbeitszeitmodelle“ unterstützt Sie dabei, das für Sie passende Modell auszuwählen.

Empfehlung 2: Unterstützen Sie Ihre Fachkräfte beim Pendeln

Nicht in jedem Beruf ist die Telearbeit möglich. Überall, wo im wahrsten Sinne des Wortes „angepackt“ werden muss, können die Arbeit an Computer und Telefon den Einsatz vor Ort nicht ersetzen. In diesem Fall können Sie Ihre Arbeitskräfte beim Pendeln, das sowohl Zeit als auch Geld kostet, unterstützen. Beispielsweise können Sie die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel durch die Bereitstellung eines Jobtickets vergünstigen oder mit Benzingutscheinen die Spritkosten, die bei Anfahrten mit dem privaten PKW anfallen, mindern. Gleichzeitig können Sie den Unwägbarkeiten des Berufsverkehrs entgegenkommen, indem Sie Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern flexible Arbeitszeiten ermöglichen.

Empfehlung 3: Seien Sie Ansprechpartner in Umzugsfragen

Ist die Entfernung zwischen Wohn- und Arbeitsort sehr groß, ist Pendeln meistens keine zufriedenstellende Lösung. Wenn Sie auf die Arbeitskraft nicht verzichten möchten, sollten Sie mit dem betreffenden Kandidaten über einen Umzug sprechen. Vermutlich braucht es einige Argumente, um ihn bzw. sie von dieser Idee zu überzeugen – diese können Sie aber liefern: Bieten Sie als Experte vor Ort sich beispielsweise an, bei Wohnungssuche und Umzug zu unterstützen. Denken Sie dabei daran: Ihr neuer Mitarbeiter ist vielleicht nicht alleinstehend, sondern bringt seine Familie mit. Ob neuer Job für Partner oder Partnerin, Kita- oder Schulplatz für die Kinder: Indem Sie als Ansprechpartner bereit stehen, signalisieren Sie Ihrem neuen Arbeitnehmer Wertschätzung, und damit gleichzeitig auch, dass sich der Umzug für Sie als Arbeitgeber lohnt. Mehr Informationen hierzu erhalten Sie in der neuen KOFA-Handlungsempfehlung „Überregionale Rekrutierung“.

Für welche Variante auch immer Sie sich entscheiden: Signalisieren Sie bereits in der Ausschreibung der Stelle, dass die Entfernung von Ihrer Seite kein Hindernis sein muss. Um das glaubwürdig zu unterstreichen, sollten Sie signalisieren, dass Sie bereit sind Hilfestellungen zu leisten. Die genaue Lösung können Sie auch noch im persönlichen Gespräch mit den einzelnen Kandidaten besprechen. Stattdessen können Sie darauf hinweisen, dass Sie bei einem weiten Anfahrtsweg ein erstes Kennlerngespräch auch per Videotelefonie anberaumen würden.

Ausbildungsplätze: Überregionale Zusammenarbeit zahlt sich aus

Auch bei der Suche nach Auszubildenden stehen immer mehr Betriebe vor der Herausforderung, dass sie zu wenige oder gar keine Bewerber für ihre Ausbildungsplätze finden. In anderen Regionen hingegen bewerben sich noch verhältnismäßig viele Schulabgänger vergeblich um Ausbildungsplätze. Extra für kleine und mittlere Unternehmen gibt es darum einige Projekte, welche die überregionale Mobilität von Auszubildenden ins Auge fassen:

  • „Mobil in Niedersachsen“ (MoiN) initiiert unter anderem Partnerschaften zwischen Verbänden, Branchen und Kommunen und etabliert so Netzwerke, die gemeinsam am besseren Matching von Ausbildungswilligen und Ausbildungsstellen arbeiten.
  • „Deine Ausbildung, unsere Region“ ist ein Projekt, im Rahmen dessen Ausbildungskandidaten aus dem Bergischen Städtedreieck, wo viele Bewerber unversorgt bleiben, in den hessischen Vogelsbergkreis vermittelt werden sollen, dem es an Bewerbern fehlt.
  • Auch „Job4U – Deine Ausbildung in Heilbronn“ fördert einen Austausch zwischen den nachwuchsstarken Regionen Nordrhein-Westfalens mit einer anderen, nachwuchsschwächeren Region, in diesem Fall Heilbronn.

Sowohl für das Thema Qualifizierung im Allgemeinen als auch für die überregionale Gewinnung von Auszubildenden im Speziellen hat das KOFA in der Handlungsempfehlung „Auszubildende“ einige Informationen für kleine und mittlere Unternehmen zusammengestellt. Auch für das Thema „Überregionale Ausbildungsmobilität“ hält das KOFA eine Handlungsempfehlung parat.

Interview mit KOFA-Expertin Paula Risius zur KOFA-Studie 2/2017 – Wie hoch ist der Fachkräftemangel in Deutschland?

Interview zur Studie 2/2017: Wie hoch ist der Fachkräftemangel in Deutschland?

Paula Risius ist eine der Autorinnen, die die empirischen Daten zur Fachkräftesituation in Deutschland ausgewertet und die Studie "Fachkräfteengpässe in Unternehmen" veröffentlicht hat. In einem Experten-Interview erklärt sie, welche Ergebnisse der Studie für KMU besonders relevant sind. Das Interview führte Nicolas Schöneich, Wirtschaftsredakteur der IW Medien.

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