Thema des Monats: Führung

Welche Priorität genießt Führung in Ihrem Unternehmen?

Führung ist in jedem Unternehmen in irgendeiner Form ein Thema. Und doch wird es
sehr unterschiedlich behandelt und oftmals sogar vernachlässigt. Das Zeitalter der Digitalisierung und Interkulturalität schreitet allerdings weiter voran und macht es erforderlich, das Thema Führung prioritär zu behandeln.

Warum ist es so wichtig, sich mit dem Thema Führung intensiv auseinanderzusetzen?

Mehr als die Hälfte der deutschen Führungskräfte haben das Gefühl, dass die Art und Weise, wie Führung in Deutschland praktiziert wird, den Anforderungen nicht mehr entspricht. Das geht aus einer INQA Studie Führungskultur im Wandel hervor.

Woher kommt dieser Eindruck? Die gravierenden Veränderungen durch Industrie 4.0, digitale Arbeitswelt und Fachkräfteengpässe erfordern eine neue Führungskultur und Führungspraxis hin zu einer Führung 4.0. In Anbetracht zunehmender Komplexität und Dynamik in der Arbeitswelt ist Führung 4.0 eine Voraussetzung, um weiterhin wettbewerbsfähig, zukunftsfähig und erfolgreich zu sein – als Unternehmen und als Führungskraft. Hierin sind sich die Experten der Wirtschaft einig.

Was genau heißt Führung 4.0?

Im Rahmen von Führung 4.0 nimmt vor allem die Gestaltung von werteorientierten Beziehungen zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine bedeutsame Rolle ein. Denn: In der zukünftigen Arbeitswelt braucht es viel mehr als materielle Anreize, Prozessgestaltung und Strukturen: Autonomie in Form von Entscheidungsfreiräumen, Eigenverantwortung und eine flexible Gestaltung von Arbeitszeit und Arbeitsort sind für Motivation und persönliches Engagement der Beschäftigten zunehmend entscheidend.

Führung 4.0 lässt sich insgesamt mit folgenden Worten und Werten beschreiben: Gebraucht werden Einfühlungsvermögen, Impulse zur persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung, individuelles Coaching, Wertschätzung, die Vermittlung von Zielen und Sinnhaftigkeit in der Arbeit, die Schaffung von Spielräumen innerhalb derer eigenverantwortlich agiert werden kann und der Ausgleich von verschiedenen Interessen. Es geht um ein positives Arbeitsklima, eine harmonische und gleichzeitig anregende Arbeit in flexiblen Teams und Netzwerken. Führungskräfte sollten dabei Vorbilder sein und ihre Mitarbeiter inspirieren, sie geistig anregen, statt ihre Leistung zu kontrollieren, zu belohnen oder zu bestrafen. Klassische hierarchische Strukturen werden somit aufgebrochen. Allerdings: Auch im 21. Jahrhundert gibt es noch Unternehmen, die im extremsten Fall in einer Kultur der Angst geführt werden. Es gibt Unternehmensführer, die das Paradigma des »harten Antreibens« über Jahrzehnte verinnerlicht haben, um Mitarbeiter so vermeintlich zu Höchstleistungen zu führen. Damit Innovation – als ein wichtiger Nutzenaspekt der Digitalisierung – gut gedeihen kann,  braucht es aber ein großes Maß an Angstfreiheit und Fehlerfreundlichkeit. Diese und auch alle weiteren Ausdrucksformen von Führung 4.0 erfordern daher vor allem vertrauensbasierte Beziehungen zwischen Führungskraft und Mitarbeiter.

Wie können Sie Führung 4.0 in Ihrem Unternehmen gestalten?

Jedes Unternehmen spricht seine eigene Sprache. Auch Führung 4.0 braucht daher jeweils eine individuelle Ausgestaltung in Ihrem Unternehmen. Folgende Erfolgsfaktoren sollten Sie bei Ihrer individuellen Umsetzung in den Blick nehmen:

Commitment der obersten Führungsebene
Es bedarf seitens der Geschäftsführung nicht nur der Zustimmung, sondern vor allem der Überzeugung, dass Führung 4.0 maßgeblich zur Motivation, Produktivität und somit zum zukünftigen Erfolg des Unternehmens beiträgt. Das sollte sich daran zeigen, dass Führungsziele in die Strategie- und Zielplanung des Unternehmens eingebunden sind. Folgende Fragen sollten beispielweise beantwortet werden:

  • Welches Wissen, welches Können und welche Talente müssen die (künftigen) Führungskräfte mitbringen, um den Zielen des Unternehmens gerecht zu werden?
  • Welchen Herausforderungen müssen sie gewachsen sein?
  • Wie können optimale Synergie-Effekte zwischen der Führungskräfteentwicklung und den strategischen Unternehmenszielen geschaffen werden?

Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch, dass Führung nicht – wie in so vielen Unternehmen – nebenher passieren kann und sollte. Insbesondere Führung 4.0 braucht Zeit, vor allem für die Reflektion von eigenem Verhalten. Dieser Zeitfaktor sollte daher in der Planung des Tagesgeschäfts von Führungskräften Berücksichtigung finden.

Führungsrolle und -verständnis
Führung 4.0 impliziert eine Veränderung der Führungskultur und somit einen Wandel im Unternehmen.
Generell, somit nicht nur für Führung 4.0, gilt für Führungsziele und Werte: Ziele und Werte sollten im Führungsleitbild festgeschrieben werden, damit ein einheitliches Führungsverständnis gefördert wird. Häufiger Praxisfehler ist die Annahme, dass man Führungsleitlinien durch einseitige Kommunikation, z.B. durch Poster oder Hochglanzbroschüren vermitteln kann. Damit ein einheitliches Verständnis von Führung 4.0 besteht und auch tatsächlich im Berufsalltag gelebt wird, braucht es eine intensive, kollektive Auseinandersetzung.  Zentraler Erfolgsfaktor für ein lebendiges Führungsleitbild in der Praxis und die Umsetzung der Führungsziele ist daher das aktive Miteinbeziehen der Belegschaft in den Entwicklungsprozess der Führungsziele und -werte von Beginn an und zwar durch interaktive Prozesse. Das ist aus mehreren Gründen wichtig. Wenn Führungskräfte und Mitarbeiter am Entwicklungsprozess von Führung 4.0 beteiligt werden und dazu ihren Input geben können, ist eine Übersetzung des Leitbilds in entsprechendes Verhalten im Alltag wahrscheinlicher. Darüber hinaus können die Führungskräfte auf diese Weise Klarheit zu ihrer Rolle als Führungskraft erhalten: Im gemeinsamen Dialog wird geklärt, woran sich ihr Führungsverhalten alltäglich zeigen darf und kann sowie welche Spielräume die Führungskraft im Handeln hat. Außerdem können die Mitarbeiter Input zu ihren Erwartungen an die Führungskraft abgeben und erhalten gleichzeitig Klarheit darüber, was sie von ihrer Führungskraft erwarten können und was nicht. Für die Umsetzung des Prozesses sind Workshop-Formate mit externen Experten oder Moderatoren zu empfehlen.

Regelmäßiger Dialog und Wertschätzung
Führungskultur und die damit zusammenhängenden Beziehungen werden vor allem im Dialog, also in der persönlichen und authentischen Eins-zu-eins-Kommunikation gestaltet und weitergegeben. Regelmäßige Mitarbeitergespräche, organisierte Informationsrunden, z.B. Teammeetings, Abteilungsversammlungen oder Jour Fixe, und Möglichkeiten für individuelles Feedback in sogenannten „offene Sprechstunden“ bei Führungskräften sind daher wichtige Foren für den systematischen, regelmäßigen Dialog zwischen Vorgesetzten und Beschäftigten und eine nachhaltige Umsetzung von Führungszielen.

Individuelle Führungskräftetrainings und -coachings
Die bisher aufgeführten Ausführungen zu Führung 4.0 machen deutlich: Führung 4.0 bringt Veränderungen in der Kultur eines Unternehmens mit sich, in der Führungskräfte eine Vielzahl an Aufgaben übernehmen müssen. Führung 4.0, die sich zum Beispiel in einer Kultur der Wertschätzung, der Förderung von Eigenverantwortung und über mehr Vertrauen und weniger Kontrolle in die Mitarbeiter zeigt, erfordert beispielsweise folgende Fähigkeiten:

  • Das Aufgeben der Macht als Führungskraft
  • Sich selbst zurückstellen können
  • Eigene Fehler und Schwächen kennen und auch zugeben können
  • Sich als Mentor fühlen
  • Aktiv Zuhören können
  • Mehr Feedback einholen
  • Nicht immer Recht haben zu müssen
  • Nicht nur an der Arbeitskraft, sondern an dem Mitarbeiter als Person authentisches Interesse zeigen
  • Kontextadäquat positive und negative Gefühle zeigen können, da das Führungskräfte als Menschen greifbar macht und damit den Aufbau von Vertrauen fördert.

Das stellt hohe Anforderungen an Führungskompetenzen, die die meisten Führungskräfte nicht „einfach so“ mitbringen. Um diesen Anforderungen gerecht werden zu können, brauchen Führungskräfte vor allem die Fähigkeit und Bereitschaft, das geplante oder realisierte eigene Verhalten zu reflektieren, sich die zugrunde liegenden Handlungsroutinen bewusst zu machen und deren Wirksamkeit zu hinterfragen. Das Selbstverständnis, sich als Führungskraft regelmäßig auf den Prüfstand zu stellen und dabei auch Zielkonflikte, Widersprüche und Führungsfehler offen zu thematisieren, ist ein zentraler und zugleich herausfordernder Faktor für Führungskräfte. Zum einen weil Selbstreflektion Zeit benötigt und zum anderen, weil Reflektionsfähigkeit in der Regel erst gelernt werden muss. Für jede Führungskraft sollte daher anhand eines Persönlichkeitstests in einem Soll-Ist Abgleich mit den vorhandenen und gebrauchten Kompetenzen untersucht werden, wo bestimmte Fähigkeiten zugunsten der Erreichung der Führungsziele im Rahmen von Führung 4.0 entwicklungsfähig sind. Es empfiehlt sich somit eine individuelle Führungskräfteentwicklung bestehend aus Trainings und Einzelcoachings. Auch hier empfiehlt sich die Umsetzung und Begleitung durch einen externen Experten.

Lesen Sie auch in unserem Experteninterview und Praxisbeispiel, warum es sich lohnt, dem Thema Führung mehr Priorität einzuräumen.

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