Thema des Monats: Pflege und Beruf – vereinbar?

Viele Arbeitgeber verbinden mit dem Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf lediglich den Bereich der Kinderbetreuung. Doch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels gewinnt auch die Pflege von Angehörigen zunehmend an Bedeutung. Die Vereinbarkeit mit dem eigenen Beruf kann in solchen Fällen für Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu einem Spagat werden, der nicht nur die Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität einschränkt, sondern auch zu Überlastungen führt, wenn keine passenden Gegenmaßnahmen gefunden werden. Daher sind Sie als Arbeitgeber verstärkt gefordert, für die veränderten Bedürfnisse von Arbeitskräften spezifische Lösungen und Strategien zu entwickeln. Die Aussicht, Familie und Beruf bestmöglich miteinander zu vereinbaren, ist für Fachkräfte zu einem wichtigen Kriterium bei der Auswahl ihres Arbeitgebers geworden.

Die Ausgangslage für Mitarbeiter und Arbeitgeber

Die Pflege ist in der Regel physisch und psychisch stark belastend und erfordert einen hohen Organisationsaufwand. Zudem sind Dauer und Zeitpunkt der Pflegesituation häufig nur schwer vorauszusehen. Das heißt, dass es für Sie und Ihre Mitarbeiter schwierig sein wird, alle Eventualitäten im Vorfeld zu planen. Flexibilität ist gefragt. Über die Modelle der flexiblen Arbeitszeitgestaltung können Sie unterschiedliche Wege der Unterstützung anbieten. Gerade kleine und mittlere Unternehmen sind oft in der Lage, solche flexiblen Lösungen zu finden. Der individuelle Blick auf die einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellt einen Pluspunkt des Mittelstands bei Umsetzungsmöglichkeiten und bei der Attraktivität als Arbeitgeber dar.

Flexible Arbeitszeitmodelle auswählen und anbieten

Gleitzeit, Vertrauensarbeitszeit, Telearbeit und weitere Maßnahmen schaffen den nötigen Freiraum, Familie und Beruf bestmöglich miteinander zu vereinbaren. Bei Bürotätigkeiten kann Telearbeit beispielsweise eine unkomplizierte Hilfe sein, um einen Arbeitsausfall aufgrund von Betreuungsengpässen bei der Pflege von Angehörigen zu reduzieren. Gleitzeitmodelle ermöglichen Ihrer Belegschaft in einem gewissen Rahmen, in Absprache mit Kolleginnen, Kollegen und Führungskräften selbst zu entscheiden, wann die Arbeit beginnt oder endet. Spontane oder wiederkehrende familiäre Verpflichtungen können so flexibel in den Tagesablauf integriert werden.

Details zur Ausgestaltung und zur Bandbreite an flexiblen Arbeitszeitmodellen erhalten Sie in der KOFA-Handlungsempfehlung Flexible Arbeitszeitmodelle.

Die Vorteile für Ihr Unternehmen und Ihre Mitarbeiter liegen auf der Hand: großer Gestaltungsspielraum, hohe Flexibilität und geringere Fehlzeiten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Nachteile liegen in dem erhöhten Planungs- und Abstimmungsaufwand.

Auswahl weiterer Unterstützungsmöglichkeiten zur besseren Vereinbarkeit

Unabhängig davon, welche Unterstützungsmaßnahmen für Ihr Unternehmen und Ihre Beschäftigten in Frage kommen, suchen Sie immer das direkte Gespräch mit betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, um individuelle Lösungen anzubieten.

  • Familienpflegezeit: Nahe Angehörige zu pflegen ist für Familien eine große Herausforderung. Vollständig oder teilweise für einen bestimmten Zeitraum aus dem Job auszusteigen, ist eine Möglichkeit, dieser Herausforderung gerecht zu werden. Ermutigen Sie daher Beschäftigte mit pflegebedürftigen Angehörigen, Familienpflegezeit in Anspruch zu nehmen. Der Anspruch darauf ist gesetzlich geregelt. Dieser gilt ab einer Unternehmensgröße von 25 Beschäftigten und erlaubt den Betroffenen, für höchstens zwei Jahre ihre Arbeitszeit auf bis zu 15 Stunden pro Woche zu reduzieren. Die geforderte Mindestarbeitszeit ist dabei im Durchschnitt des Jahres zu erbringen. Detaillierte Informationen zur Familienpflegezeit findet Sie auf dem Portal www.wege-zur-pflege.de des BMFSFJ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend).
  • Sonderurlaub: Im Einzelfall reichen zehn Tage pro Jahr im akuten und sechs Monate bei längerfristigem Bedarf an gesetzlich garantierter Freistellung nicht aus, um eine Pflegesituation zu bewältigen. Stellen Sie daher in Aussicht, dass Sie pflegenden Beschäftigten für Notfallsituationen über den gesetzlichen Anspruch hinaus (unbezahlten) Sonderurlaub gewähren.
  • Finanzielle Unterstützung: Eine weitere Alternative besteht darin, finanzielle Unterstützung in Form von direkten Geldzahlungen oder Sachleistungen zu gewähren. Denkbar ist auch eine finanzielle Unterstützung durch einen Zuschuss für haushaltsnahe Dienstleistungen. Finanzielle Belastungen durch einen plötzlich auftretenden Pflegefall werden so abgemildert. Unterstützungen in außerordentlichen Notlagen werden vom Gesetzgeber als absetzbare Betriebsausgaben eingestuft. Für Arbeitnehmer sind Unterstützungsleistungen bis 600 Euro lohnsteuerfrei.
  • Informationen und Schulungen: Stellen Sie Ihrem Personal Informationsmaterial mit rechtlichen Regelungen und Ansprechpartnern von Dienstleistern und Beratungsstellen über das Intranet oder über eine feste Ansprechperson zur Verfügung. Darüber hinausgehend sind Informationsveranstaltungen im Verbund mit weiteren Unternehmen zur Klärung finanzieller oder organisatorischer Fragen denkbar. Kontaktieren Sie Krankenkassen, ob Veranstaltungen zu pflegerelevanten Themen durchgeführt werden. Häufig sind diese kostenlos.
  • Kontakt halten: Längere Freistellungen für die Pflege von Angehörigen erschweren einen reibungslosen Wiedereinstieg in den beruflichen Alltag. Halten Sie Kontakt durch regelmäßige Gesprächsangebote. Mit Einladungen zu Betriebsfeiern, einem Zugang zum Intranet und der Zusendung von Betriebszeitungen werden Ihre Beschäftigten in der Familienpflegezeit über betriebliche Belange informiert.

Anregungen zu weiteren Unterstützungsmaßnahmen finden Sie in der Handlungsempfehlung Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Setzen Sie für Ihr Unternehmen passende Unterstützungsmaßnahmen um, werden Sie Überlastungen durch Vereinbarkeitsprobleme zwischen Beruf und Pflege mildern. Gleichzeitig verringern Sie Arbeitsausfälle und vermeiden Produktivitätsverluste bei den Betroffenen. Ihr Engagement wirkt sich positiv auf die Arbeitsmoral und Zufriedenheit aus, sodass Ihnen Ihr Personal langfristig erhalten bleibt. Darüber hinaus steigern Sie Ihre Attraktivität für potenzielle neue Fachkräfte, indem Sie Ihr Engagement bei der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege gezielt nach außen präsentieren.

Förder- und Unterstützungsangebote

  • Teilfinanzierte Beratung: Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle fördert die Beratung von kleinen und mittleren Unternehmen zu verschiedenen Themen. Passend zum Thema dieser Handlungsempfehlung gibt es für Sie die Möglichkeit, eine Beratungsförderung zu beantragen. Die Art und Höhe der Förderung sowie die Beratungsanforderungen finden Sie unter: www.beratungsfoerderung.info.
  • Initiative Beruf und Pflege: Die Initiative „Beruf und Pflege vereinbaren – die Hessische Initiative“ unterstützt insbesondere KMU dabei, Beruf und Pflege für ihre Beschäftigten besser vereinbar zu gestalten. Arbeitgeber werden über mögliche Unterstützungsleistungen und die gesetzlichen Rahmenbedingungen informiert. Praxisbeispiele runden das Angebot ab. http://www.berufundpflege.hessen.de/die-initiative-bundesweit-einmalig
  • Familienpflegezeit: Auf diesem Portal finden Sie zusammengefasst die seit 01.01.2015 geltenden gesetzlichen Regelungen zur Familienpflegezeit. Dazu gehören beispielsweise Informationen zum zinslosen Darlehen für Beschäftigte. http://www.wege-zur-pflege.de

Weitere Informationen

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