Thema des Monats: Praktika als Chance für Flüchtlinge und Betriebe

Step by Step in den Arbeitsmarkt: Ein Praktikum als Wegweiser für Betrieb und Flüchtling.

Lernen Sie potentielle Fachkräfte durch ein Praktikum kennen

Im vergangenen Jahr 2015 trafen schätzungsweise rund eine Million Schutzsuchende in Deutschland ein. Von ihnen hatten bis Ende des Jahres bereits knapp 480.000 Asyl beantragt. Darunter waren Syrer mit gut einem Drittel am stärksten vertreten. Viele von ihnen werden langfristig in Deutschland bleiben und sich hier ein neues Leben aufbauen. Anerkannte Flüchtlinge sowie Asylbewerber und Geduldete mit hoher Bleibewahrscheinlichkeit sollten so schnell wie möglich in den Arbeitsmarkt integriert werden. Wir wollen Ihnen aufzeigen, welchen Beitrag Praktika hierzu leisten können.

Mehr als die Hälfte der Asylerstanträge im Jahr 2015 wurde von jungen Menschen unter 25 Jahren gestellt. Für sie stellen Schule und die Integration in Ausbildung die wichtigsten Angebote dar. Inzwischen ist bekannt, dass auch ein großer Teil der erwachsenen Flüchtlinge keine formalen Qualifikationen mitbringt. Allerdings haben viele von ihnen häufig schon jahrelang gearbeitet und so praktische Erfahrungen gesammelt. Bei den Neuangekommenen, die über eine berufliche Qualifikation oder einen Studienabschluss aus ihrem Herkunftsland verfügen, ist zunächst zu prüfen, ob diese gleichwertig mit deutschen Abschlüssen sind und welchen Stellenwert sie für den deutschen Arbeitsmarkt haben könnten.

Praktika sind eine gute Möglichkeit, um sich gegenseitig kennenzulernen. Sie als Arbeitgeber sehen in der Praxis, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten – ob nun formal oder informell erworben – der Neuzugewanderte mitbringt. Gleichzeitig können Sie sich während eines Praktikums ein Bild über das sprachliche und fachsprachliche Niveau des Flüchtlings machen. So sehen Sie frühzeitig, ob und wenn ja wo noch Förderbedarf besteht. Nicht zuletzt bieten Praktika die Gelegenheit, die persönliche Eignung der geflüchteten Person einzuschätzen und herauszufinden, ob „die Chemie stimmt“.

Wie kann ein Praktikum für Flüchtlinge aussehen?

Es gibt ein breites Spektrum von Praktikumsarten, die Sie Flüchtlingen anbieten können: Von freiwilligen Praktika zur Berufsorientierung über ausbildungs- oder studienbegleitenden Praktika, Einstiegsqualifizierungen (EQ) zur Erprobung der persönlichen und fachlichen Eignung für einen Ausbildungsberuf bis hin zu Probebeschäftigungen. Auch Anpassungsqualifizierungen für die Anerkennung eines ausländischen Abschlusses können für Sie als Unternehmen interessant sein, da Sie so gut qualifizierter Mitarbeiter gewinnen, die sich schon in Ihrem Unternehmen bewiesen haben.

In der folgenden Übersicht sind die verschiedenen Praktikumsarten aufgelistet, die Ihnen je nach Vorerfahrungen des Praktikanten und den Möglichkeiten Ihres Unternehmens für Flüchtlinge zur Verfügung stehen.

Warum Betriebe und Flüchtlinge von einem Praktikum profitieren

Praktika stellen für alle Beteiligten eine Win-Win Situation dar: Für Flüchtlinge können Praktika einen guten Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt sein – unabhängig von Alter, Arbeitserfahrung oder Vorqualifikation. (Hoch-)Qualifizierte Flüchtlinge haben die Möglichkeit, potentiellen Arbeitgebern ihr Können und ihre Fachkenntnisse zu zeigen. Ungelernte Flüchtlinge lernen den Arbeitsalltag sowie die Anforderungen eines Berufs kennen und können so testen, ob dieser Beruf zu ihnen passt. Sie als Arbeitgeber haben die Möglichkeit, den potentiellen Auszubildenden oder Arbeitnehmer im betrieblichen Alltag über einen festen Zeitraum hinweg kennenzulernen und sich ein Bild von seinen fachlichen Fähigkeiten zu machen.

Klappt die Zusammenarbeit auf fachlicher und persönlicher Ebene? Dann können Sie gemeinsam mit der geflüchteten Person die beruflichen Perspektiven in Ihrem Betrieb ausloten. Je nach Ausgangssituation kann dies eine anschließende Ausbildung, eine betriebliche Nachqualifizierungsmaßnahme zum Erreichen eines Abschlusses oder die direkte Übernahme in ein Beschäftigungsverhältnis sein. So gewinnen Sie zuverlässige und loyale Arbeitnehmer und können diese langfristig an Ihr Unternehmen binden.

Was Sie  bei der Einstellung beachten sollten

  • Praktika dienen in erster Linie der Orientierung und Qualifizierung. Daher steht bei Praktika nicht die Erbringung der Arbeitsleistung, sondern der Erwerb praktischer Erfahrungen und Kenntnisse im Vordergrund. Lediglich bei einer Probebeschäftigung darf die Erbringung der Arbeitsleistung im Vordergrund stehen. Dafür fällt der gesetzliche oder tarifliche Mindestlohn hier bereits ab dem ersten Tag an.
  • Für anerkannte Flüchtlinge gelten die gleichen Regelungen für Praktika wie für Einheimische. Seit August 2015 können Betriebe darüber hinaus auch viele Praktika für Asylbewerber und Flüchtlinge mit Duldung ohne Zustimmung der Agentur für Arbeit anbieten. Genauere Informationen zu Zustimmungsregelungen und Mindestlohn finden Sie ebenfalls in unserer Übersicht zu Praktika.

Scheuen Sie den Personal- und Organisationsaufwand nicht. Das Einstellen von Flüchtlingen als Praktikanten birgt für Sie als Arbeitgeber viele Vorteile: Sie gewinnen passende und hochmotivierte Fachkräfte, Sie erhöhen die Vielfalt in Ihrem Unternehmen und Sie fördern Ihr Image als modernes, offenes und gesellschaftlich engagiertes Unternehmen.

So finden Sie Flüchtlinge für eine Praktikumsstelle

Um geeignete Praktikanten zu finden, gibt es zahlreiche Anlaufstellen. Die wichtigsten sind im Folgenden aufgelistet:

  • Örtlicher Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit (AG-S): Der Arbeitgeberservice ermittelt passende Fachkräfte, gibt finanzielle Unterstützung und berät Unternehmen zu allen Fragen rund um die Einstellung und Qualifizierung von Beschäftigten. Weitere Informationen erhalten Sie hier.
  • Programm „Perspektive für Flüchtlinge – Potenziale identifizieren, Integration ermöglichen“ (PerF) der Bundesagentur für Arbeit, Informationen erhalten Sie bei Ihrer Agentur für Arbeit vor Ort.
  • Programm „Early Intervention“ der Bundesagentur für Arbeit, Informationen erhalten Sie bei Ihrer Agentur für Arbeit vor Ort.
  • Programm "Passgenaue Besetzung - Unterstützung von KMU bei der passgenauen Besetzung von Ausbildungsplätzen sowie bei der Integration von ausländischen Fachkräften" des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie und des Europäischen Sozialfonds. Weitere Informationen erhalten Sie hier.
  • Netzwerke des ESF-Bundesprogramms „Integration von Asylsuchenden und Flüchtlingen“ (IvAF). Hier bekommen Sie weitere Informationen.
  • Netzwerk „Integration durch Qualifizierung“ (IQ) und dessen Niederlassungen in den einzelnen Bundesländern: z. B. wurde vom IQ-Netzwerk NRW eine Praktikumsdatenbank für Flüchtlinge eingerichtet.
  • Bundeslandspezifische Programme und Vereinigungen: z. B. in NRW können Sie sich an die Integration Points der Bundesagentur für Arbeit wenden.
  • workeer.de: Über die Online Jobbörse workeer.de für Geflüchtete und Arbeitgeber können Sie potentielle Kandidaten direkt kontaktieren.

Neben öffentlich geförderten Initiativen und Programmen gibt es noch weitere Rekrutierungswege: Kontaktieren Sie Berufsschulen mit Willkommensklassen, wenden Sie sich an Sprachschulen und Bildungsträger mit Integrationskursen oder nehmen Sie Kontakt mit lokalen, ehrenamtlichen Willkommensinitiativen auf – zum Beispiel über soziale Medien wie Facebook. Die Ansprechpartner sind häufig persönlich mit den Flüchtlingen vertraut und können gut einschätzen, ob sie und Ihr Unternehmen zusammenpassen könnten.

Unterstützungsmöglichkeiten für Arbeitgeber

Im Rahmen der Einstiegsqualifizierung (EQ) können Ihnen als Unternehmen Anteile der Vergütung sowie der Sozialversicherung von der Agentur für Arbeit erstattet werden. Dies müssen Sie vor Maßnahmenbeginn bei Ihrer örtlichen Agentur für Arbeit beantragen. Bei der Einstiegsqualifizierung Plus (EQ Plus) wird die EQ mit gezielten Unterstützungsangeboten kombiniert. Anerkannte Flüchtlinge und Geduldete ab dem 16. Monat können ausbildungsbegleitende Hilfe (abH) in Anspruch nehmen, die sozialpädagogische Begleitung sowie Nachhilfe und Sprachunterricht umfassen.

Bei den maximal 6-wöchigen betrieblichen Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung (MAG) werden die Begleitkosten, die den Teilnehmerinnen und Teilnehmern durch das Praktikum entstehen (z. B. Fahrtkosten), von der Agentur für Arbeit übernommen. Sie als Arbeitgeber zahlen keine Vergütung. Abhängig davon, was für die geflüchtete Person zielführender ist, stellt die Agentur für Arbeit entweder eine Zuweisung oder einen Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein (AVGS) aus. Mit der Zuweisung wird ein konkreter Arbeitgeber mit der Durchführung der MAG beauftragt. Mit einem AVGS darf die betreffende Person selbst einen passenden Arbeitgeber für die MAG aussuchen.

Bei der Probebeschäftigung von Flüchtlingen mit einer Aufenthaltserlaubnis können Sie ebenfalls eine Förderung durch das Jobcenter erhalten. Genauere Informationen zu den Unterstützungsmöglichkeiten erhalten Sie bei Ihrem regionalen Jobcenter.

Weitere Informationen erhalten Sie hier:

KOFA-Dossier zum Thema „Flüchtlinge integrieren, Fachkräfte gewinnen“

Broschüre „Potenziale nutzen – geflüchtete Menschen beschäftigen“ von der Bundesagentur für Arbeit (Stand: August 2015)

Infoblatt von der Bundesagentur für Arbeit: „Praktika und betriebliche Tätigkeiten für Asylbewerber und geduldete Personen“ (Stand: Oktober 2015)

IW policy paper „Flüchtlinge – Herausforderung und Chance für Deutschland“ (Stand: September 2015)

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