Thema des Monats: Flüchtlinge beschäftigen

Zunehmende Zahl an vorwiegend jungen Flüchtlingen

Zunehmend mehr Menschen suchen derzeit in Deutschland Schutz. Nach den neuesten Prognosen könnten in diesem Jahr bis zu 800.000 Flüchtlinge kommen. Dies sind fast doppelt so viele wie in den drei vorherigen Jahren zusammen. Wer von ihnen zu Recht Schutz vor Krieg, Verfolgung oder Vertreibung sucht, hat eine gute Bleibeperspektive und kann damit in Perspektive am Arbeitsmarkt aktiv werden.Die meisten der Flüchtlinge, die aktuell zu uns kommen, sind jung. Die größte Gruppe unter den Asylbewerbern stellen junge Männer. Sie haben ihre Familien (zunächst) im Ausland zurückgelassen. So waren im ersten Halbjahr 2015 gut 38 Prozent aller Asylbewerber männlich und zwischen 18 und 34 Jahren alt. Weitere 13 Prozent waren weiblich und im gleichen Alter. Knapp drei von zehn Asylbewerbern waren noch minderjährig. Lediglich zwei von zehn der im ersten Halbjahr 2015 nach Deutschland geflüchteten Asylbewerber waren bereits 35 Jahre oder älter.

Fachkräftepotenzial unter Asylsuchenden

Im Wettbewerb um Fachkräfte und Auszubildende können Sie als Arbeitgeber auch das Potenzial von Asylbewerbern und Flüchtlingen in den Blick nehmen. Sie leisten damit zugleich einen wertvollen Beitrag zur Integration. Geflüchtete Menschen bringen oftmals berufliche und soziale Kompetenzen aus ihrem Heimatland mit. Eine überdurchschnittlich hohe Motivation, Eigeninitiative und Leistungsbereitschaft können teilweise über die (noch) fehlenden Sprachkenntnisse und formalen Qualifikationen hinweghelfen. Besonders aus Syrien flüchten derzeit viele Menschen wegen des Kriegs im eigenen Land nach Deutschland. Ein näherer Blick auf die beruflichen Qualifikationen der Erwerbstätigen in Syrien vor der Krise im Jahr 2010 gibt darüber Aufschluss, welche Potenziale die Menschen in den deutschen Arbeitsmarkt einbringen könnten.

Aber auch aus vielen anderen Herkunftsländern bringen die Flüchtlinge berufliche oder akademische Qualifikationen mit, die für den hiesigen Arbeitsmarkt interessant sein können. Für eine Ausbildung oder Beschäftigung von Flüchtlingen sind folgende Personenkreise zu unterscheiden:

  • Personen mit Aufenthaltserlaubnis: Dies sind anerkannte Flüchtlinge, deren Asylantrag positiv entschieden wurde.
  • Personen mit Aufenthaltsgestattung: Dies sind Asylsuchende, deren Verfahren noch nicht abgeschlossen ist.
  • Geduldete: Dies sind Flüchtlinge, deren Asylantrag in der Regel abgelehnt wurde, die aber (noch) nicht abgeschoben werden können.

Je nachdem, zu welchem Personenkreis ein Flüchtling zählt, gibt es unterschiedliche Beschäftigungsmöglichkeiten und Besonderheiten, die zu beachten sind.

Hospitation und Praktikum

Um sich zuerst ein Bild vom geflüchteten Menschen und dessen Qualifikationen zu machen, bietet sich eine Hospitation oder ein Praktikum an. Hier können Sie die Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten der Kandidatinnen und Kandidaten in Ruhe überprüfen und gegebenenfalls passgenau nachqualifizieren. Für die Teilnahme an einem Praktikum ist für Asylsuchende und geduldete Personen ab dem Zeitpunkt ihrer Einreise eine dreimonatige Wartefrist vorgegeben. Seit dem 1. August 2015 können folgende Praktika auch ohne vorherige Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit aufgenommen werden:

  • Hospitation:
    Sie laden Flüchtlinge als Gäste in Ihr Unternehmen ein und zeigen ihnen Ihre betrieblichen Abläufe. Dabei ist es wichtig, dass von den Gästen tatsächlich auch keine Arbeitsleistung erbracht wird. Da eine Hospitation keine Beschäftigung im engeren Sinne darstellt, ist hierfür auch keine Zustimmung der Arbeitsagentur oder Genehmigung der Ausländerbehörde erforderlich.
  • Berufsorientierung:
    Wenn Asylbewerber oder geduldete Personen noch über keine abgeschlossene Ausbildung verfügen, können Sie ihnen ein Berufsorientierungspraktikum anbieten. Voraussetzung ist, dass die betriebliche Tätigkeit in Bezug zu einer angestrebten anschließenden Berufsausbildung steht. Die Dauer des Orientierungspraktikums darf drei Monate nicht überschreiten. Für die Aufnahme ist eine Genehmigung der Ausländerbehörde erforderlich. Seit dem 1. August 2015 bedarf es keiner Zustimmung der Agentur für Arbeit mehr. Berufsorientierungspraktika sind vom Mindestlohn ausgenommen.
  • Einstiegsqualifizierung (EQ):
    Durch eine Einstiegsqualifizierung können Sie potentielle Auszubildende an eine Ausbildung in Ihrem Betrieb heranführen. Im Rahmen einer Einstiegsqualifizierung werden die Kompetenzen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer über einen Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten im täglichen Arbeitsprozess entwickelt. Sie benötigen vor Durchführung eine Genehmigung der Ausländerbehörde. Eine finanzielle Förderung ist möglich, wenn Sie diese vorab bei Ihrer örtlichen Agentur für Arbeit beantragen.
  • Maßnahme zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung (MAG):
    Um vorhandene berufliche Kenntnisse festzustellen oder zu erweitern, kann eine Maßnahme zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung (MAG) erfolgen. Diese Maßnahme darf maximal sechs Wochen beanspruchen und muss von Ihnen vorab bei der zuständigen Agentur für Arbeit beantragt werden. Es ist keine weitere Genehmigung der Ausländerbehörde oder Agentur für Arbeit notwendig. Die Prüfung der Eignung eines Arbeitsplatzes für diese Maßnahme kann allerdings wenige Tage (z. B. Helfertätigkeiten) oder auch mehreren Wochen (Fachkraft) erfordern.

Ausbildung von Flüchtlingen

Mit anerkannten Flüchtlingen können Sie ohne Einschränkungen einen Ausbildungsvertrag abschließen.

Mit Asylsuchenden geht dies ab dem vierten Monat ihres Aufenthalts in Deutschland. Geduldete Menschen können ab dem Zeitpunkt ihrer Duldung eine Ausbildung beginnen, wenn die Ausländerbehörde dem zustimmt. Für den konkreten Ausbildungsplatz müssen Sie für Asylsuchende und Geduldete eine individuelle Beschäftigungserlaubnis bei der Ausländerbehörde beantragen.

Seit dem 1. August 2015 hat sich die Rechtssicherheit für Sie als Ausbildungsbetrieb und für geduldete Auszubildende deutlich verbessert. Voraussetzungen hierfür sind, dass der oder die geduldete Auszubildende vor Beginn des 21. Lebensjahres die Ausbildung aufnimmt und nicht aus einem sicheren Herkunftsland stammt. Als sichere Herkunftsländer gelten neben den Mitgliedstaaten der Europäischen Union auch Albanien, Bosnien und Herzegowina, Ghana, Kosovo, Mazedonien, Montenegro, Senegal und Serbien. Zudem ist seitens der Bundesregierung angedacht auch Marokko, Algerien und Tunesien als sichere Herkunftsländer einzustufen (Stand: Februar 2016). Die Duldung erfolgt dann für jeweils ein Jahr und wird, wenn die Berufsausbildung fortdauert und in einem angemessenen Zeitraum abgeschlossen werden kann, um jeweils ein Jahr verlängert.

Wenn Sie Ihre geduldeten Auszubildenden nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung weiter beschäftigen möchten, können Sie hierfür eine befristete Aufenthaltserlaubnis erhalten. Voraussetzungen dafür sind, dass die Arbeitsstelle der Ausbildung entspricht und die beschäftigte Person mit dem Gehalt ihren Lebensunterhalt selbstständig bestreiten kann.

Beschäftigung von Flüchtlingen

Bei anerkannten Flüchtlingen, also Personen mit einer Aufenthaltserlaubnis aus völkerrechtlichen, humanitären oder politischen Gründen, sind hinsichtlich einer Beschäftigung keine Besonderheiten zu berücksichtigen.

Bei Asylsuchenden und geduldeten Menschen müssen Sie als Arbeitgeber folgende Punkte beachten:

  1. Nach drei Monaten kann die Ausländerbehörde für beide Gruppen eine Arbeitserlaubnis erteilen. Hierbei besteht grundsätzlich ein nachrangiger Arbeitsmarktzugang. Bevor die Zustimmung der Ausländerbehörde erteilt werden kann, prüft die Bundesagentur für Arbeit (BA), ob die Arbeitsbedingungen nicht ungünstiger sind als für inländische Arbeitnehmer. Außerdem wird in der Regel geprüft, ob die Stelle nicht mit einem Deutschen oder EU-Staatsbürger besetzt werden kann (Vorrangprüfung). Nach Ablauf der drei Monate dürfen sich die Asylsuchenden frei im Bundesgebiet bewegen und stehen somit dem gesamtdeutschen Arbeitsmarkt zur Verfügung. Die ehemals geltende „Residenzpflicht“ ist mittlerweile gelockert.
  2. Nach 15 Monaten entfällt die Vorrangprüfung der Arbeitsagentur. Nach vier Jahren Aufenthalt in Deutschland muss sie bei der Entscheidung der Ausländerbehörde gar nicht mehr beteiligt werden. Für Asylbewerber und Geduldete, die in einem Engpassberuf laut Positivliste der BA arbeiten wollen und deren Ausbildungs- oder Hochschulabschluss in Deutschland als gleichwertig anerkannt wurde, entfällt die Vorrangprüfung.
  3. Bei Asylsuchenden und Geduldeten mit Hochschulabschluss, die die Voraussetzungen für die Blaue Karte EU erfüllen (jährliches Mindestgehalt von aktuell 48.400 Euro, in Mangelberufen mindestens 37.752 Euro), entfällt die Vorrangprüfung bereits nach drei Monaten.

Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen

Durch das Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz (BQFG) besteht auch für Flüchtlinge der Rechtsanspruch auf eine Prüfung, ob der ausländische Berufsabschluss mit einem deutschen vollständig oder zumindest teilweise gleichwertig ist (Anerkennungsverfahren). Dazu muss die Person einen Antrag bei Kammer stellen, die den deutschen Referenzberuf zuständig ist. Das BQ-Portal bietet für die zuständigen Stellen im Anerkennungsverfahren sowie für Unternehmen umfassende Informationen zu ausländischen Berufsqualifikationen und Berufsbildungssystemen. Zudem erhalten Sie dort als Unternehmen Informationen darüber, wie das Verfahren abläuft und wie Sie dieses aktiv vorantreiben können.

Unterstützungsmöglichkeiten für Arbeitgeber

Als Unternehmen können Sie finanzielle Unterstützung für eine Einstiegqualifizierung (EQ) zur Ausbildungsvorbereitung sowie Zuschüsse zum Arbeitsentgelt, etwa als Eingliederungszuschuss, bei der örtlichen Agentur für Arbeit beantragen.

Wo finde ich potentielle Kandidatinnen und Kandidaten?

Weitere Informationen erhalten Sie hier:

Broschüre „Potenziale nutzen – geflüchtete Menschen beschäftigen“ von der Bundesagentur für Arbeit (Stand: August 2015)

Infoblatt von der Bundesagentur für Arbeit „Menschen mit Fluchthintergrund“ (Stand: 16. September 2015)

IW policy paper „Flüchtlinge – Herausforderung und Chance für Deutschland“ (Stand: September 2015)

Dossier zum Thema „Flüchtlinge – Qualifizierung und Arbeitsmarktintegration“ vom Projekt qualiboxx des BiBB

Quellenangaben

Eurostat - Statistisches Amt der Europäischen Union, 2015a , Asylbewerber und erstmalige Asylbewerber nach Staatsangehörigkeit, Alter und Geschlecht (migr_asyappctzm) [Stand: 23.09.2015]

Eurostat - Statistisches Amt der Europäischen Union 2015b, Beruf nach Beschäftigung und Wirtschaftszweigen (lfsa_eisn2) [Stand: 23.09.2015]

ILO - Internationale Arbeitsorganisation, 2015, Employment by sex and occupation [Stand: 23.09.2015]

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