Thema des Monats: Regionale Ausbildungsmärkte

Nachwuchssorgen bei kleinen und mittleren Unternehmen

„Hoffentlich bekommen wir unsere Ausbildungsplätze dieses Jahr besetzt.“ Dies ist ein Satz, der bei Personalverantwortlichen gerade in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) immer häufiger fallen dürfte. Schließlich sind vor allem sie es, die angeben ihre Ausbildungsstellen immer schwerer besetzen zu können. Ob es tatsächlich klappt, eine geeignete Nachwuchskraft für den Betrieb zu finden, hängt dabei wesentlich von zwei Faktoren ab: Zum einen in welcher Region sich das Unternehmen befindet, zum anderen für welchen Ausbildungsberuf ein Azubi gesucht wird.

In welchen Regionen drückt der Schuh?

Die duale Ausbildung in Deutschland steht unter einem enormen Wettbewerbsdruck. Immer mehr Jugendliche machen ihr Abitur und gehen nach der Schule studieren. Für eine betriebliche Ausbildung interessieren sich nur wenige: Gerade einmal 15 Prozent der Abiturienten strebten 2012 eine duale Berufsausbildung an (Schneider/Funke, 2014).

Abbildung 1: Anteil unbesetzter Ausbildungsplätze im Jahr 2014 nach Bundesländern
Quelle: BIBB, 2015; eigene Berechnungen


Hinzu kommen die kleiner werdenden Absolventenjahrgänge. Diese sorgen vor allem in Ostdeutschland für Kopfzerbrechen. Denn bei der Besetzung der Ausbildungsstellen geht eine Schneise durch Deutschland. In den ostdeutschen Bundesländern gab es nach der Widervereinigung einen deutlichen Geburtenrückgang. Das führte in den vergangenen Jahren dazu, dass dort die Zahl an Schulabsolventen noch drastischer zurückging als in den westdeutschen Regionen. Dementsprechend haben vor allem ostdeutsche Unternehmen große Schwierigkeiten, geeignete Kandidaten für ihre Ausbildungsstellen zu finden. In Mecklenburg-Vorpommern blieben etwa 14 Prozent der Nachwuchsstellen frei, in Brandenburg waren es elf Prozent, genauso in Thüringen. Im Vergleich dazu ging es Unternehmen in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen oder Hessen noch verhältnismäßig gut. Nur um die fünf Prozent der Azubiplätze blieben frei. Der Einbruch der Schulabgängerzahlen steht hier noch bevor (KMK, 2013). Diese Entwicklung kann gerade die Lage für die boomenden wirtschaftlichen Regionen im Süden Deutschlands weiter verschärfen, denn bereits heute bleibt etwa in Bayern fast jede zehnte Nachwuchsstelle leer.

Doch auch innerhalb der Bundesländer gibt es regional nochmal unterschiedliche Situationen. So konnten im vorpommerischen Greifswald Betriebe nahezu jeden vierten Ausbildungsplatz nicht besetzen (23,6 Prozent). Im nahegelegenen Neubrandenburg waren es dagegen 7,7 Prozent – also nahe dem Bundesdurchschnitt von 6,7 Prozent. In Westdeutschland weist der Arbeitsagenturbezirk Duisburg hingegen einen leicht überdurchschnittlichen Anteil an unbesetzten Ausbildungsplätzen auf (9 Prozent), obwohl Nordrhein-Westfalen insgesamt der Flächenstaat mit den geringsten Besetzungsproblemen ist. Für Unternehmen kann sich also der Blick über den regionalen Tellerrand lohnen, wenn nur einige Kilometer entfernt die Schulabsolventen einen Ausbildungsplatz suchen.

Welche Ausbildungsberufe sind betroffen?   

In der Regel sind es die klassischen Handwerksberufe, für die sich zu wenige Jugendliche interessieren. Hierzu gehören unter anderem Fleischer, Bäcker, Klempner und Hörgeräteakustiker. Auch in der Gastronomie und Hotellerie ist die Situation angespannt.  Damit sind gerade Berufe betroffen, die häufig in KMU ausgeübt werden.

Bei Berufen in der Metall- und Elektroindustrie (M+E) gibt es noch vergleichsweise viele Interessenten. Diese Berufe werden häufig in größeren Unternehmen ausgebildet, die sich derzeit noch leichter tun, ihre Nachwuchsplätze zu besetzen. Das liegt unter anderem daran, dass ihnen mehr finanzielle Mittel zur Rekrutierung zur Verfügung stehen, eine größere Personalabteilung existiert und große Unternehmen in der Regel bekannter sind, wodurch sie mehr potenzielle Bewerber erreichen. Doch auch in den M+E-Berufen zeigen sich die Auswirkungen des demografischen Wandels und der hohen Studierneigung: Der Anteil unbesetzter Ausbildungsplätze hat sich zwischen 2011 und 2014 deutlich erhöht.

Genügend Interessenten gibt es hingegen bei die typischen Bürojobs, beispielsweise für Büro- oder Industriekaufleute. Hier bleiben in ganz Deutschland kaum Stellen frei. Ein Grund hierfür dürfte sein, dass die Vielzahl an Abiturienten vor allem um diese Plätze konkurriert und nur relativ selten handwerkliche Tätigkeiten in Betracht zieht.

Wege zur Besetzung von Nachwuchsstellen

Unternehmen müssen dem steigenden Wettbewerbsdruck nicht tatenlos zusehen. Es gibt einige Wege, um sich gegenüber den Wettbewerbern abzusetzen:

  • Praktika und persönliche Kontakte sind wichtige Methoden, um Azubis zu gewinnen. Die Herstellung solcher Kontakte kann über Schulkooperationen erfolgen. Bei Berufsorientierungstagen oder in Projektwochen können Arbeitgeber sich selbst und ihre Ausbildungsplätze präsentieren. Schülerpraktika und Betriebsbesichtigungen sind ebenfalls wertvoll, denn hier sind Praxisnähe und intensive Einblicke n den beruflichen Alltag gegeben. Unternehmen und Kandidaten lernen sich zudem gut kennen.

  • Finden Arbeitgeber in ihrem unmittelbaren Umfeld keine geeigneten Kandidaten, kann der Bewerberpool mit Hilfe überregionaler Rekrutierungswege ausgeweitet werden. Die Online Rekrutierung über Social Media ist hier ein beliebtes Instrument, um mehr Ausbildungsplatzsuchende zu erreichen. Besonders erfolgversprechend ist die überregionale Rekrutierung von Auszubildenden, wenn den meist noch sehr jungen Auszubildenden Unterstützungsmaßnahmen angeboten werden. Dazu gehören die Bereitstellung einer Wohnung, beispielsweise in Form von betreutem Jugendwohnen oder dem Wohnen mit Familienanschluss.

  • Gerade Ausbildungssuchende aus europäischen Ländern wollen angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit in den Herkunftsländern zunehmend eine Ausbildung in Deutschland absolvieren. Die Rekrutierung aus dem Ausland lässt KMU aus organisatorischer und finanzieller Sicht jedoch häufig zurückschrecken. Doch mit dem Projekt „MobiPro EU“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales erhalten sowohl Azubis als auch Unternehmen staatliche Unterstützung bei dieser Herausforderung.

Alle Nachwuchskräfte im Blick haben

Es müssen nicht immer die klassischen Zielgruppen sein, um Ausbildungsstellen zu besetzen. Häufig befinden sich auch in anderen Personengruppen die für das Unternehmen am besten geeignete Nachwuchskraft:

  • Leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler sind ein teilweise noch unberücksichtigtes Potenzial. Auch hier bietet die Politik Hilfestellung. Unternehmen können beispielsweise ausbildungsbegleitende Hilfen nutzen, um Leistungsschwächere erfolgreich in die Ausbildung zu integrieren. Ein Instrument hierfür bietet die assistierte Berufsausbildung. Bildungsträger stellen hierbei neben der Ausbildung zusätzliche Dienstleistungen für Auszubildende und Betriebe zur Verfügung gestellt. Hierzu gehören unter anderem Bewerbungstrainings, Nachhilfe sowie Hilfen zur Existenzsicherung für die Auszubildenden. Auch Unternehmen wird unter die Arme gegriffen: Sie erhalten beispielsweise Unterstützung im Bereich des Bewerbungs- und Ausbildungsmanagements.

  • Die vielen motivierten und jungen Flüchtlinge stellen ein enormes Fachkräftepotenzial dar. Viele bringen bereits berufliche und soziale Kompetenzen aus ihrer Heimat mit. Fehlende Sprachkenntnisse und fehlende formale Qualifikationen können mithilfe von Sprachkursen und Einstiegsqualifizierungen der BA nachgeholt werden und so die Ausbildungsreife der geflüchteten Menschen steigern. Praktika helfen den Unternehmen, berufliche Kompetenzen der Menschen kennenzulernen und so gegebenenfalls passgenauen Weiterbildungsbedarf zu identifizieren. Für Praktika ist seit dem 01.08.2015 auch keine Zustimmung seitens der BA mehr erforderlich. Grundsätzlich gilt für Asylsuchende oder Geduldeten, dass der Zugang zum Arbeitsmarkt nach einer Aufenthaltsdauer von drei Monaten in Deutschland möglich ist.

  • Mit attraktiven Zusatzangeboten können Arbeitgeber mehr Abiturienten für eine duale Berufsausbildung begeistern. Zusatzqualifikationen sind Fähigkeiten und Kenntnisse, die über die herkömmlichen Inhalte einer Berufsausbildung hinausgehen. Hierzu gehören beispielsweise EDV- oder Fremdsprachenkenntnisse. Sie stehen grundsätzlich allen Jugendliche offen, bieten sich aber gerade für leistungsstarke  Schüler an, da diese durch solche Zusatzinhalte besonders gefordert werden und gleichzeitig eine bessere Jobperspektive erhalten. Ein Überblick zu den mehr als 2.000 Kursen liefert die Online-Datenbank des Projektes AusbildungPlus.

    Die bisher wenig bekannten Abiturientenausbildungen sind hingegen Abiturienten vorbehalten. Am Ende einer solchen Ausbildung erhält der Auszubildende in der Regel zwei Abschlüsse – eine anerkannte Berufsausbildung und eine Zusatzqualifikation. Eine Ausbildung zum Gärtner kann nach diesem Modell beispielsweise mit der Zusatzqualifikation eines Assistenten der Betriebsleitung gekoppelt werden. Eine weitere interessante Karriereperspektive, die Handwerksunternehmen Nachwuchskräften mit Abitur anbieten, ist das triale Studium. Dieses bietet leistungsstarken Jugendlichen die Möglichkeit, neben dem Abschluss einer dualen Berufsausbildung im Handwerk, auch einen Meister und Bachelorabschluss zu erwerben. Nach viereinhalb Jahren steht den Unternehmen eine Fachkraft zur Verfügung, die in ihrer Ausbildung auch auf Führungskräfteaufgaben vorbereitet wurde.

  • Hinzu kommt die Möglichkeit, Studienabbrecherinnen und Studienabbrecher von einer Ausbildung zu überzeugen. Diese Personen suchen eine neue berufliche Heimat. Es existieren mehrere regionale Modellprojekte, die Unternehmen mit der Zielgruppe zusammen bringen. Die Projekte werden im Rahmen der Initiative „JobstarterPlus“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und erlauben beispielsweise die Verkürzung der Ausbildungsdauer.

  • Die Nachqualifizierung von an- und ungelernten Beschäftigten ist ebenfalls ein Weg, mit dem Unternehmen ihren Qualifikationsbedarf decken können. Um diesen Personen doch noch eine Berufsausbildung zu ermöglichen, existieren bundesweite Förderinitiativen von denen auch KMU profitieren. Hierzu gehört die Initiative „Erstausbildung junger Erwachsener“ von der Bundesagentur für Arbeit. Sie hat zum Ziel junge Menschen ohne Berufsabschluss in der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen für eine abschlussorientierte Nachausbildung zu gewinnen. Arbeitgeber können durch ihr Engagement Zuschüsse zum Arbeitsentgelt und zu Sozialversicherungsbeiträgen erhalten.

Weitere Informationen erhalten Sie hier:

Datenbank AusbildungPlus: Hier findet sich eine Übersicht zu den derzeit  über 2.000 Angeboten möglicher Zusatzqualifikationen. [Stand: 26.10.2015]

JobstarterPlus: Auf einer Projektlandkarte sehen Sie, ob es ein Modellprojekt zur Integration von Studienabbrecherinnen und Studienabbrechern in Ihrer Region gibt, von dem Sie möglicherweise profitieren können. [Stand: 26.10.2015 ]

Quellenangaben
KMK – Kultusministerkonferenz, 2013,Vorausberechnung der Schüler- und Absolventenzahlen 2012 – 2025, URL: kmk.org/fileadmin/pdf/Statistik/Dokumentationen/Dokumentation_Nr._200_web.pdf [Stand: 26.10.2015]

Schneider, Heidrun / Funke, Barbara, 2014, Bildungsentscheidungen von Studienberechtigten – Studienberechtigte ein halbes Jahr vor und ein halbes Jahr nach Schulabschluss, Forum Hochschule 06/2014, URL: dzhw.eu/pdf/pub_fh/fh-201406.pdf [Stand:26.10.2015]

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