Praxisbeispiel: Was tun, wenn der Chef ausfällt?

Notfallhilfe der Handwerkskammer Ulm: Warum Vorsorge für Unternehmen wichtig ist

Roman Gottschalk wird dann gerufen, wenn die Verzweiflung am Größten ist. Häufig von der Ehefrau oder dem Ehemann. Geschockt versuchen sie zu begreifen, dass ihr Partner im Koma liegt oder gestorben ist – gleichzeitig tragen sie von jetzt auf gleich Verantwortung für einen Betrieb und die Mitarbeiter.

„Für viele Unternehmerfamilien ist der eigene Betrieb ein bisschen wie ein Kind“, erzählt Gottschalk aus seinen Erfahrungen. „Das Unternehmen ist ein Lebenswerk – das gilt es weiterzuführen, auch wenn der Geschäftsführer nicht mehr da ist. Insofern spüren die Angehörigen einen hohen Druck, die Stabilität des Unternehmens zu sichern.“

Tabu-Thema Vorsorge

Roman Gottschalk ist „Moderator für Betriebsnachfolge“ bei der Handwerkskammer Ulm. Durchschnittlich einmal im Monat rückt er zur „Notfallhilfe“ aus. „Im Moment werde ich sogar eher häufiger gerufen“, sagt Gottschalk. „schwer zu sagen, woran das liegt.“ Umfragen belegen, dass 50 Prozent aller kleinen und mittleren Betriebe (KMU) keine Vorsorge für einen Notfall getroffen haben.

Tipp: Auch Sie haben keinen Notfallplan? Hier finden Sie eine Checkliste zur Notfallvorsorge der Handwerkskammer Ulm.

Wer beschäftigt sich schon gerne mit dem Tod, wenn die Auftragsbücher voll sind? Wer denkt über die Verwundbarkeit des eigenen Körpers nach, wenn Maschinen überholt und Investitionen getätigt wurden? „Dabei muss man leider sagen, dass es nicht immer nur die Alten trifft“, betont Gottschalk. „In den letzten Monaten habe ich sogar zwei Fälle betreut, in denen die betroffenen Geschäftsführer zwischen 40 und 50 Jahre alt waren.“

© Handwerkskammer Ulm
Dr. Tobias Mehlich, Geschäftsführer Handwerkskammer Ulm

Wir als Handwerkskammer unterstützen, beraten und helfen mit, dass ein Unglücksfall für einen Betrieb möglichst nicht das Aus für Betrieb und Beschäftigte bedeutet. Es hilft für das Fortbestehen eines Betriebes ungemein, wenn Vorsorge getroffen wurde. Das gilt im persönlichen Umfeld und umso mehr im betrieblichen, hängen hiervon doch Arbeitsplätze ab.

Mit Ende 40 aus dem Leben gerissen

Es ist schwer, Hinterbliebene zu finden, die bereit sind, über ihre Erfahrungen mit der Notfallhilfe zu berichten. Wer die Lebens- und Betriebskrise überwunden hat, möchte nach vorne schauen, sich nicht mit Erinnerungen belasten. „Ich versuche in der Krisensituation Halt zu geben, indem ich sachlich und verlässlich berate“, sagt Gottschalk. „Aber kalt lassen mich die individuellen Schicksalsschläge auch nicht.“

Gottschalk erzählt von seinem letzten Fall: Ein erfolgreicher Geschäftsführer war mit Ende 40 aus dem Leben gerissen worden. Die Verantwortung übernahm nun die Ehefrau: für drei minderjährige Kinder, für die vollen Auftragsbücher eines florierenden Metallbau-Unternehmens, für fast 15 Mitarbeiter. Sie selbst hatte bislang keinerlei Einblicke in die Geschäfte ihres Mannes. Es gab keine Stellvertreter-Regelungen und keine Vollmachten, z.B. für Zahlungsangelegenheiten. Und es gab innerhalb des Unternehmens niemanden, den der Chef in die Betriebsgeheimnisse zur Produktion eingeweiht hätte. „Selbst die laufenden Aufträge konnten die Mitarbeiter nur unter größten Schwierigkeiten bewältigen“, erinnert sich Gottschalk. „Der Inhaber hatte seine Kenntnisse über bestimmte Herstellungsprozesse mit niemanden geteilt – durch seinen Tod war eine Lücke entstanden, die nicht geschlossen werden konnte.“

Wenn die Mitarbeiter abwandern

Auch wer in so einer Situation zur Ruhe und Gelassenheit aufruft – Viele Mitarbeiter spüren, wenn das Unternehmen ins Straucheln gerät. Und dann? – Dann wandern sie ab. Einer nach dem anderen. Weil sie Angst um die eigene Zukunft haben. Weil sie nicht daran glauben, dass es ohne den alten Chef weitergeht. „So war es leider auch in diesem Fall“, sagt Gottschalk. „Wir haben zwar gemeinsam mit der Ehefrau kommuniziert, dass wir alles daran setzen, einen neuen Inhaber zu finden. Aber die Mitarbeiter hatten einfach wenig Hoffnung.“ Und leider erfüllte sich die dunkle Vorahnung. Zwar gelang es Gottschalk über Inserate in der Zeitung und Betriebsbörsen mehrere Interessenten zu finden. Zur Übernahme war aber keiner bereit. Der Betrieb ist heute geschlossen, Die Geschäftsausstattung verkauft, die Immobilie anderweitig vermietet.

Durch Vorsorge das Schlimmste verhindern

„So muss es nicht laufen“, betont Gottschalk. Häufig genug gelingt es, das Unternehmen zu retten. Belegschaften, die es gewohnt sind eigenverantwortlich zu handeln, wachsen manchmal geradezu über sich hinaus. Es gab Fälle, in denen die Großeltern-Generation aus dem Ruhestand zurückgekehrt ist, um die Geschäfte kurzfristig wieder zu übernehmen – und dann ein geordnetes Übergabemanagement einzuleiten. „Man muss sich ja bewusst machen, dass wir im Normalfall dazu raten, sich fünf Jahre Zeit für eine Betriebsübergabe zu nehmen“, sagt Gottschalk. „Nach einem Todesfall sind die Chancen auf eine Weiterführung des Betriebs einfach am Größten, wenn Vorsorge getroffen wurde.“

Was Vorsorge bedeutet? - Die Handwerkskammer rät Unternehmen, sich einen „Notfallkoffer“ bereitzustellen. Dieser Koffer sollte folgende Informationen beinhalten:
 
Tipps für die Notfall-Vorsorge im Unternehmen:

  1. Ein Notfall- und Vertretungsplan.
  2. Eine Liste mit Institutionen und Personen, die im Krisenfall informiert werden müssen.
  3. Anweisungen für eine geregelte Stellvertretung
  4. Handlungs- und Vorsorgevollmacht für alle beruflichen und privaten Belange (betrifft z.B. Banken, Post, Patientenverfügung…)
  5. Testament oder Erbvertrag
  6. Liste der wichtigsten Lieferanten und Kunden

Und wer noch mehr Fragen hat? – Der sollte sich am besten beraten lassen. Zum Beispiel von Roman Gottschalk in der Handwerkskammer Ulm. Oder aber von einem anderen Ansprechpartner der zuständigen Kammer.

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