Die Kunst loszulassen

Wie man frühzeitig die Unternehmensnachfolge sichert

Eine Firma gründen, investieren, bis zur Erschöpfung arbeiten, Niederlagen verkraften, Erfolge feiern – und dann: alt sein und in Rente gehen? – „Natürlich kann ich verstehen, dass Unternehmer sich schwertun, ihren Betrieb abzugeben“, sagt Rantje Jans. „Aber jeder alte Handwerksmeister muss irgendwann lernen, dass seine Zeit vorbei ist.“

Branche: Autolackierer | Standort: Eutin | Beschäftigte: 10

Stand: 2017

Rantje Jans ist selbst teilhabende Geschäftsführerin. Seit sechs Jahren leitet sie die Geschicke der Fahrzeuglackiererei „Lacktechnik 2000“ in Eutin. Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass eine Firmenübernahme ein langer Prozess sein kann. 51 Prozent der Gesellschafteranteile liegen bis heute nicht bei ihr, sondern beim 77-jährigen Gründer der Werkstatt. „Ich hätte die Anteile gerne schon vor einigen Jahren übernommen“, erzählt sie. „Aber letztlich muss der Senior zu diesem Schritt bereit sein.“

Die 45-jährige sagt das ohne Vorwurf. Der „Senior“ ist für sie auch eine Art Mentor. Ihm hat sie ihr „zweites berufliches Leben“ zu verdanken – die Chance mit 37 Jahren noch einmal völlig neu anzufangen. In ihrem ersten Leben hatte die Norddeutsche BWL studiert und ein Krankenhaus geleitet. Aber es war nicht das Richtige, um glücklich zu sein. Also krempelte sie ihr Leben um und begann, in der Lackiererei ihres Nachbarn zu arbeiten. Endlich etwas „Handfestes“. Das war im Sommer 2008. Ende 2009 machte sie gleichzeitig eine Ausbildung zur Fahrzeuglackiererin und teilte sich mit dem Senior die Geschäftsführung – seitdem ist die Unternehmensnachfolge zwischen den beiden ein Thema.

Wer soll das Firmenerbe antreten?

Rantje Jans hatte beim Eintritt in den Handwerksbetrieb keine Geschäftsübernahme geplant – aber es war ihr schnell klar, dass sie es kann. „Wer 120 Mitarbeiter gemanagt hat, hat keine Angst vor Verantwortung. Führungsaufgaben fühlen sich normal an“, sagt sie. Ebenso wie die Gedanken an die Zukunft. „Im Gesundheitsbereich sind die Fachkräfte schon in den 1990er Jahren ins Ausland abgewandert“, sagt Jans. „Mir war bewusst, dass uns das im Handwerk auch droht – ich habe mir praktisch vom ersten Tag an die Frage gestellt, wer wiederum in meine Fußstapfen treten wird, wenn ich einen Nachfolger suche.“

Zehn Mitarbeiter arbeiten gemeinsam mit Rantje Jans in der Lackiererei. Sie kennt ihre Angestellten gut. Das „Chefzimmer“ liegt auf einer Empore, von der man die ganze Werkstatt im Blick hat. Meist sitzt Jans aber im Empfangsbereich, dort, wo die Kunden ankommen, wo es nach Lacken riecht, wo gearbeitet wird. Die Geschäftsführerin ist im Arbeitsalltag präsent, redet viel, lacht, hat aber auch keine Angst vor Auseinandersetzungen mit schwierigen Kunden. Werkstattleiter Malte Bergmann ist eher ein ruhiger Typ, zurückhaltend, besonnen. Vielleicht sind es gerade diese Gegensätze, die die beiden vom ersten Aufeinandertreffen an schätzen. Vielleicht ist es auch die Erfahrung, zwischen 2009 und 2010 gemeinsam die Berufsschulbank gedrückt und parallel die Ausbildung gemeistert zu haben. Für Rantje Jans steht jedenfalls schnell fest: Der 24-jährige soll einmal ihr Nachfolger werden.

Die Ernennung des „Kronprinzen“

„Sie hat mich das eher so im Vorbeigehen gefragt“, erinnert sich Bergmann. „Erst mal ging es nach der Ausbildung darum, ob ich mir vorstellen kann, meinen Meister zu machen und die Werkstattleitung zu übernehmen. Wenig später hat sie mich gefragt, ob ich mir perspektivisch eine Firmenübernahme vorstellen kann – ich habe zu beidem Ja gesagt.“

Die Perspektive der Firmenübernahme ist mehr als ein vages Versprechen. Rantje Jans vereinbart einen gemeinsamen Termin mit ihrem Unternehmensberater. Sie verkündet dort, dass sie ihrem designierten Nachfolger zwei Prozent ihrer Gesellschafteranteile schenkt. „Viele Leute haben mich für verrückt erklärt“, lacht Jans. „Die haben gesagt: Du kannst doch nicht einfach Anteile verschenken, die sind doch was wert. Aber ich kann das. Und ich werde es weiter tun.“ Rantje Jans hat eine Vision für die Zukunft: In zehn Jahren möchte sie aus dem Betrieb ausscheiden. Das Unternehmen soll dann zu 100 Prozent Malte Bergmann gehören – sei es, dass sie ihm Anteile schenkt oder er diese zum Nennwert erwirbt.

Nachfolgeregelung: „Gier frisst Gehirn“

Jans glaubt daran, dass ihr Modell Vorbild für viele sein kann: Wie viele Handwerksbetriebe suchen händeringend einen Nachfolger? Wie viel Unsicherheit entsteht bei Mitarbeitern, die nicht wissen, was nach dem „alten“ Geschäftsführer auf sie zukommt? Dabei gäbe es doch genug junge Leute, die Verantwortung übernehmen möchten „Wenn ich mich so umschaue habe ich oft das Gefühl: Gier frisst Gehirn“, sagt Jans. „Die Alten sind nicht bereit, den Jungen frühzeitig ein Stück vom Kuchen abzugeben. Die Nachfolgeregelung ist ein Tabu-Thema – und irgendwann ist es zu spät für eine gute Übergabe.“

Bei ihr soll das anders laufen. Ihre Mitarbeiter wissen heute schon, dass Bergmann einmal auf dem Chefsessel Platz nehmen wird. Der 24-jährige hat eine klare Perspektive und Zeit, sich auf die Führungsaufgaben vorzubereiten. Ihm ist bewusst, dass er noch viel lernen muss – aber er möchte das. „Er ist kein Großmaul, der immer schreit, wie gut er alles kann“, sagt Jans. „Wenn man einem Menschen in jungem Alter so viel Vertrauen entgegenbringt, braucht man gute Menschenkenntnis. Und die habe ich.“

Und sie selbst? Was wird sie machen, wenn sie mit gerade 55 Jahren den Betrieb verlässt? „Ich werde immer irgendetwas tun“, schmunzelt sie. „Aber es dreht sich nicht immer nur alles ums Arbeiten. Mein Mann ist älter als ich und geht in zehn Jahren in den Ruhestand. Wir haben den Strand vor der Tür. Dort werden wir viele schöne Stunden verbringen und den Wellen zuschauen.“ Eines ist für die spät berufene Lackiererin klar: Das Leben endet nicht mit dem Firmenaustritt.

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