Praxisbeispiel: Qualifzierung für Flüchtling im Stahlbau

Wurst Stahlbau bildet nigerianische Flüchtlinge zu Schweißern fort.

Kurz nach der Jahrtausendwende beschließt Victor Onuh, dass es keinen Sinn mehr hat, im eigenen Land auf bessere Zeiten zu hoffen. „Es ist nicht nur Nigeria. Ich denke, in ganz Afrika sind die Verhältnisse eine Katastrophe“, sagt der 40-Jährige. „Es gibt nichts zu tun, keine Arbeit für die Menschen, und Nigeria, der Staat, hilft auch nicht.“ In diesem Vakuum gedeihen Gruppen wie Boko Haram, die seit einigen Jahren versuchen, die Macht mit Terror an sich zu reißen. Onuh entscheidet sich 2002, zu gehen. Rund 6.500 Kilometer weit in den Norden, übers Mittelmeer in einem der Boote der Schlepperbanden, wie sie heute immer dann in den Nachrichten auftauchen, wenn sie in Seenot geraten sind oder erneut eine Katastrophe das Leben vieler Flüchtlinge gekostet hat.

Branche: Metallverarbeitung | Standort: Bersenbrück (Niedersachsen) | Beschäftigte: 200

Stand: 2015

Onuh hat mehr Glück. Heute sitzt er im südniedersächsischen Bersenbrück in einem Konferenzraum von Wurst Stahlbau und erzählt von seinen ersten zehn Jahren in Deutschland. „Anfangs habe ich bei der Gemeinde 1-Euro-Jobs gemacht. Das hat nicht gereicht zum Leben. Dann war ich bei einer Gärtnerei für Biogemüse.“ Bis er eines Tages vor dem Schreibtisch von Thomas Sperveslage stand. „Er musste sich irgendwie am Empfang vorbeigeschummelt haben und wollte sich bei mir für ein Praktikum bewerben.“ Ein etwas unorthodoxer Weg, gesteht der Personalleiter von Wurst Stahlbau ein, aber warum eigentlich nicht? Onuh durfte sein handwerkliches Können zeigen. Er überzeugte. Wurst konnte sich vorstellen, ihn als Facharbeiter einzustellen. In Kooperation mit MaßArbeit, einer Initiative der Handwerkskammern Osnabrück und Bad Bentheim sowie der kommunalen Arbeitsvermittlung, finanzierte die Firma ihm eine dreimonatige Vollzeit-Weiterqualifizierung zum Schweißer.

Wer erledigt künftig die Arbeit?

„Wir sind hier in der neben Wolfsburg wirtschaftlich stärksten Region Niedersachsens, in der bei 3 bis 4 Prozent Arbeitslosigkeit faktisch Vollbeschäftigung herrscht“, sagt Geschäftsführer Thomas Wurst. Da müsse man sich rechtzeitig vor der nächsten Pensionierungswelle im eigenen Betrieb fragen: „Wie kann ich auch in Zukunft meine Arbeit fertig bekommen?“ Die Antwort sitzt neben ihm: Es sind Menschen wie Victor Onuh und Christian Anyanwu. Auch der 37-Jährige ist aus Nigeria geflohen und hat über die Kooperation mit MaßArbeit seinen Schweißerschein bei Wurst Stahlbau gemacht. Wie Onuh arbeitet er hier heute in Festanstellung. „Etwas Neues ausprobieren“, nennt Wurst die Entscheidung, in die beiden zu investieren – je 5.000 Euro allein für die Ausbildung plus Lohnkosten während der dreimonatigen Freistellung.

Funken sprühen, irgendwo in der riesigen Halle knallt tonnenschwerer Stahl auf die Auflagefläche. Hier werden riesige Stahlbalken bewegt, geschweißt und für ihren späteren Zweck vorbereitet: Onuh arbeitet gerade an einer Verkleidung für ein Autohaus. Aber auch eine 1.200 Tonnen schwere Stahlbaukonstruktion für eine Forschungsstation in der Antarktis hat bereits diese Hallen verlassen. Onuh und Anyanwu lachen, dann setzt Onuh seine Schweißermaske wieder auf. Anyanwu muss zu seinen beiden kleinen Söhnen zurück, die am Empfang warten. Eigentlich hat er nämlich Urlaub. Er ist extra fürs Interview reingekommen.

Thomas Wurst, Geschäftsführer:

Als Arbeitgeber lohnt es sich, neue Wege zu gehen. Dafür haben wir zwei hochmotivierte und qualifizierte Mitarbeiter gewonnen.

Vertrauen macht sich mit motivierten, qualifizierten Mitarbeitern bezahlt

„Wir haben zwei hochqualifizierte und motivierte Mitarbeiter gewonnen und das gute Gefühl, zwei Familien in die richtige Bahn gelenkt zu haben“, sagt Thomas Wurst. Das Unternehmen, das er zusammen mit seinen zwei Brüdern führt, ist laufend in Kontakt mit Einrichtungen wie MaßArbeit. Sollte wieder jemand wie Onuh oder Anyanwu dort oder bei Wurst vor dem Schreibtisch stehen, wäre Wursts Antwort wieder „warum nicht?“.

„Wichtig war für uns natürlich, dass die beiden einen sicheren Aufenthaltstitel haben“, sagt Sperveslage. Alles weitere sei „kein gigantischer Verwaltungsaufwand: Zwischen dem ersten Mal, dass ich Victor die Hand gegeben habe, und dem ersten Mal, dass er von uns sein Schweißergehalt bekommen hat, lagen nur vier oder fünf Monate.“ Die Kollegen mussten nicht speziell vorbereitet werden: „Die beiden arbeiten mit Russischstämmigen und Deutschen, da rauft man sich schon zusammen“, sagt Sperveslage. Verschiedene Kulturen sind bei Wurst nichts Neues: „Wir sind vor 25 Jahren mit den ersten Aussiedlern gestartet“, sagt Geschäftsführer Wurst.

Für Onuh gibt es für eine erfolgreiche Integration eine einfache Formel: „Sprache ist Integration – je besser Du die Sprache sprichst, desto integrierter bist Du.“ Sie scheint aufzugehen, auch für Anyanwu, der eine deutsche Frau geheiratet hat: „Meine Heimat ist zu 100 Prozent hier: Meine Kinder sind hier im Fußballverein, und wir haben viele Kontakte über den Kindergarten und die Schule. Und meine Kinder korrigieren mein Deutsch.“ Als er die beiden vom Empfang abholt, haben sie schon entschieden: Jaden möchte Feuerwehrmann werden, Joshua Pilot. Aber bis die beiden im Ausbildungsalter sind, könnte sich das auch noch zu Wursts Gunsten ändern.

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Interview mit Geschäftsführer Thomas Wurst

Herr Wurst, Sie haben die Vorausplanung im Personalbereich angesprochen. Was genau meinen Sie damit?

Früher gab es die Engpässe am Kapitalmarkt, heute hat sich das umgekehrt: Der Arbeitsmarkt ist ein echter Nachfragemarkt. Da müssen die Unternehmen sich rechtzeitig überlegen, wie sie gute Fachkräfte und loyale Arbeitnehmer finden und auch halten.

Was ist Ihr Rat an andere Unternehmen?

Es wird immer wichtiger, eine Altersstrukturanalyse zu machen. Jedes Unternehmen sollte sich ein Bild über den Ist-Zustand seiner Personalstruktur und ihre künftige Entwicklung machen. Arbeitgeber sollten offen sein, neue Wege zu gehen, indem sie beispielsweise die Motivation ihrer Mitarbeiter schärfen, um sie an sich zu binden. Oder eben auch mal in die Entwicklung von Fachkräften investieren, die nicht ins übliche Suchschema passen.

Das klingt nach Aufgaben für die Personalabteilung. Viele kleinere Unternehmen haben aber gar keine. Was sollten sie tun?

Es gibt viele Hilfsangebote, zum Beispiel von Handwerkskammern oder Arbeitgeberverbänden. Sie helfen mit Rat und anderen Angeboten bei Fragen zur Rekrutierung, Ausbildung und Bindung von Fachkräften. Für die Unternehmen braucht es dann noch Engagement und etwas Mut.

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