„Was macht ein Willkommenslotse?“

Erhan Atici ist es gewohnt, bei Geschäftsführern und Personalverantwortlichen Argumente vorzutragen, Vorbehalte auszuräumen und bei KMU für die Beschäftigung von Geflüchteten zu werben. Seit September 2016 ist Herr Atici Willkommenslotse bei der Handwerkskammer in Stuttgart. Er ist einer von 150 Willkommenslotsen, die deutschlandweit im Rahmen des Programms „Passgenaue Besetzung“ vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert werden. Das KOFA will wissen: Wie sieht sein Alltag aus?

Herr Atici, was macht eigentlich ein Willkommenslotse?
Atici: Ich motiviere und berate Unternehmen zur Integration von Geflüchteten. Ich zeige ihnen Argumente auf, die für eine Zusammenarbeit mit Flüchtlingen sprechen. Zum Beispiel, um den eigenen Nachwuchs zu sichern. Um gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Um sich als weltoffener Arbeitgeber zu präsentieren und neue, wertvolle Kompetenzen und Qualifikationen ins Team zu holen. Grundsätzlich helfe ich KMU bei allen praktischen Fragen, die sich bei der Einbeziehung von Flüchtlingen ins Unternehmen stellen.

Herr Atici, sind Sie häufig in Ihrem Büro?
Atici: Allein vom Schreibtisch aus, kann man meinen Job nicht machen. Networking ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit – um für die Beschäftigung von Flüchtlingen zu werben, muss man ja erstmal mit Unternehmen ins Gespräch kommen. Deshalb vereinbare ich telefonisch Termine mit Unternehmen und besuche diese. Ich fahre aber auch häufig zu Jobmessen.

In Ihrem Büro stehen drei Schreibtische. Sie sind kein Einzelkämpfer?
Atici: Nein, zum Glück bin ich Teil eines guten Teams. Der Fokus meiner Arbeit liegt auf der Rekrutierung und der Betreuung der Unternehmen – zum Beispiel, wenn rechtliche Fragen oder kulturell bedingte Unsicherheiten auftauchen.

Meine beiden Kolleginnen, Julia Mihajlowski und Michaela Geya arbeiten direkt mit den geflüchteten Arbeitssuchenden. Frau Mihajlowski ist bei der Handwerkskammer eine so genannte Kümmerin und betreut zurzeit 18 Flüchtlinge, um sie in eine duale Berufsausbildung zu vermitteln. Frau Geya leitet das Projekt „Coaching für Flüchtlinge“. In diesem Rahmen macht sie mit den Flüchtlingen zum Beispiel eine Potenzialanalyse, so dass wir sie dann nach ihren Potenziale und Neigungen vermitteln können.

Sie kümmern sich eher um die Unternehmen, Ihre Kolleginnen eher um die Flüchtlinge – hat sich die Aufgabenteilung bewährt?
Atici: Ich empfinde unsere Teamarbeit als sehr fruchtbar. Wir sind im ständigen Austausch, welche Flüchtlinge in unseren Projekten zurzeit betreut werden und welchen Bedarf Unternehmen angemeldet haben. Wenn die Anforderungsprofile der Unternehmen und die der Kandidaten passen, können wir sie rasch zusammenbringen.

Das klingt einfach – ist die tägliche Arbeit wirklich so?
Atici: Natürlich erleben wir als Team auch mal Rückschläge. Vor kurzem haben wir einen Kandidaten für eine Einstiegsqualifikation in eine Druckerei vermittelt. Das Matching schien perfekt. Trotzdem hat der Flüchtling das Praktikum nach drei Tagen abgebrochen. Auch auf unserer Seite war die Enttäuschung groß. Aber auch für solche Momente ist es wichtig, ein gutes Team zu haben. Nach der schlechten Nachricht sind wir zu Dritt Eis essen gegangen – danach sah die Welt schon wieder anders aus und wir haben unsere Arbeit fortgesetzt.

Welche Lehren haben Sie aus dieser Erfahrung gezogen?
Atici: Ich habe daraus gelernt, dass ich mögliche Schwierigkeiten im Vorfeld stärker thematisiere. Unsicherheiten in Bezug auf Interkulturalität und Willkommenskultur spielen bei Unternehmen durchaus eine Rolle: Das kann zum Beispiel die Frage betreffen, wie man mit Gebetszeiten am Arbeitsplatz umgeht. Ich rate Unternehmen, kulturelle Unterschiede nicht zu ignorieren. Gleichzeitig warne ich aber auch davor, Flüchtlinge gegenüber anderen Mitarbeitern besser zu stellen. Ein guter Mittelweg ist wichtig. Und den findet man nur, wenn man offen miteinander spricht.

Bei der Potenzialanalyse können Geflüchtete ihr Können unter Beweis stellen, zum Beispiel im Bereich Tischlern. So fällt das Matching leichter.

Können die geflüchteten Menschen abschätzen, was sie im deutschen Berufsalltag erwartet?
Atici: Wir bereiten die Kandidaten natürlich gut vor. In der Beratungsarbeit ist uns allerdings aufgefallen, dass vielen Geflüchteten der Sinn einer dualen Ausbildung unklar ist. Manchmal haben sie auch falsche Vorstellungen, weil sie die Standards aus ihrem Herkunftsland auf das deutsche Ausbildungssystem übertragen. Auch der Unterschied zwischen einem Praktikum und einer Ausbildung ist vielen nicht klar. Natürlich sorgt es für Frustration, wenn man glaubt, einen Ausbildungsplatz gefunden zu haben und dann feststellt, dass man ein Praktikum absolviert.

Wie groß ist die Bereitschaft von KMU, Flüchtlinge zu beschäftigen?
Atici: In der Region Stuttgart beobachte ich eine große Offenheit: Vor kurzem hat die Handwerkskammer ein Video veröffentlicht, um auf unser Beratungsangebote für Unternehmen und Flüchtlinge aufmerksam zu machen. Danach haben sich unglaublich viele Betriebe gemeldet. Man sieht daran: Der Wille, Flüchtlinge zu integrieren, ist im Handwerk da – zumal viele Betriebe händeringend Nachwuchs suchen.

In der Regel haben sie freie Stellen zu besetzen und sehen es durchaus als Option an, einen Menschen mit Fluchthintergrund zu beschäftigen. Die Betriebe rufen bei der Handwerkskammer an, ich berate sie dann bei allen rechtlichen Fragen und unterstütze bei der Rekrutierung.

Wie sind die Erfolge Ihrer Vermittlungsarbeit?
Atici: Man muss ehrlicherweise sagen, dass die meisten Unternehmen sich bislang eher für Praktika und Ausbildung geöffnet haben und weniger für die Beschäftigung von Geflüchteten. Meiner Meinung nach ist das aber schon ein sehr wichtiger erster Schritt. Mir und meinem Team geht es nicht darum, Menschen kurzfristig in Arbeit zu bringen und dadurch besonders hohe Vermittlungszahlen zu generieren. Viel wichtiger ist uns, dass die Integration langfristig gelingt und dass sowohl das Unternehmen, als auch die Geflüchteten zufrieden sind.

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Drei Fragen an die Schreinerei Luithard:

Cathrin und Uwe Luithardt haben sich von Willkommenslotsen Erhan Atici beraten lassen. Seit dem 1. September 2016 beschäftigen sie einen Flüchtling aus Syrien in einer Einstiegsqualifikation (EQ) in ihrer Schreinerei.
  1. Wer hat Ihnen dabei geholfen, Herrn Alsaeid für Ihren Betrieb zu finden?
    Frau Mihajlovski, die Kümmerin der HWK Stuttgart, hat für uns zu Beginn den Kontakt zu Hr. Alsaeid hergestellt. Seit dem 1. September steht uns Herr Atici als Willkommenslotse rund um die Einstiegsqualifizierung (EQ) mit Rat und Tat zur Seite.

  2. Wie hat Herr Atici Sie bei der Einstellung von Herrn Alsaeid unterstützt?
    Er hat uns gesagt, worauf wir bei der Einstellung achten müssen und uns Behördengänge abgenommen. Außerdem lief der Kontakt zur Berufsschule über ihn. Das alles war eine große Erleichterung für uns!

  3. Welche Unterstützung bietet der Willkommenslotse Ihnen während der EQ an?
    Herr Atici steht für uns als ständiger Ansprechpartner zur Verfügung. Am Anfang der EQ hatten wir fast täglich Telefonkontakt. Inzwischen ist es zwar etwas weniger geworden, aber wir sind nach wie vor sehr froh über seine vielfältige Unterstützung.

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