Praxisbeispiel: Inklusion von Mitarbeitern mit Schwerbehinderung

Eingliederung von Mitarbeitern mit Behinderung bei Dirostahl

Stehhilfen, Sitzlift, ergonomischer Staplersitz, Umschulungen, ergonomiegerechte Werkbänke: Die Freiformschmiede Dirostahl tut einiges, um schwerbehinderten Mitarbeitern das Arbeitsleben zu erleichtern. Immerhin 30 haben ihre Schwerbehinderung bei der Personalabteilung angegeben – das sind rund sechs Prozent der Belegschaft des Schmiedeunternehmens und damit sogar etwas mehr als die gesetzlich vorgeschriebene Beschäftigungsquote von fünf Prozent. Einer von ihnen ist Wolfgang Teller. Das Fachwissen des Elektrikers konnte Dirostahl halten, indem es eine neue Stelle für ihn geschaffen hat. Im Interview erzählen Teller und Personalleiter Marcus Wößner, wie die Eingliederung von Schwerbehinderten Erfolg hat und welche Vorteile Unternehmen und Arbeitnehmer davon haben.

Branche: Metallindustrie | Standort: Remscheid (NRW) | Beschäftigte: 490

Stand: 2016

Herr Wößner, wie kommt es, dass Sie überdurchschnittlich viele Schwerbehinderte beschäftigen?
Wößner: Die wenigsten werden mit einer Schwerbehinderung geboren. Meist passiert im Laufe des Lebens ein Unfall oder körperlicher Verschleiß schränkt die Bewegungsfähigkeit ein. Viele sind bis zur Rente im Unternehmen beschäftigt. Deshalb liegt es in der Natur der Sache, dass wir als Unternehmen versuchen, uns an die speziellen Bedürfnisse dieser Mitarbeiter anzupassen. Schwerbehinderte sind für uns vor allem Fachkräfte, auf deren Wissen wir nicht verzichten möchten.

Was tun Sie, wenn ein Mitarbeiter beispielsweise einen Unfall hatte und nicht mehr an seinem bisherigen Arbeitsplatz weiterarbeiten kann?
Wößner: Wenn es ein Arbeitsunfall war, kontaktieren wir die Berufsgenossenschaft, ansonsten das Integrationsamt. Die Berufsgenossenschaft hat selbst ein großes Interesse, dass die Mitarbeiter so schnell wie möglich wieder arbeiten können. Bis die Ärzte dort uns darüber informieren, welche Tätigkeiten genau die Mitarbeiter machen können, wieviel Kilo sie zum Beispiel heben können, kann es allerdings einige Wochen dauern. Schließlich wissen sie, dass mit ihren Informationen auch eine Kündigung verbunden sein kann. Mit den Informationen der Ärzte können wir dann im Unternehmen nach einem geeigneten Arbeitsplatz suchen.

Bekommen Sie bei der Einrichtung des Arbeitsplatzes Unterstützung?
Wößner: Sobald es um die Wiedereingliederung oder die Neueinstellung eines Schwerbehinderten geht, kommt jemand von der Berufsgenossenschaft oder des Integrationsamtes zu uns in den Betrieb. So erfahren wir direkt, welche technischen Hilfen es für die jeweilige Behinderung gibt, welche Formulare wir brauchen und wo wir was beantragen können.

Wenn Sie an die zurückliegenden Fälle denken: Was ist die größte Herausforderung bei der Wiedereingliederung?
Wößner: Wir sind ein Produktionsunternehmen mit vielen körperlich herausfordernden Arbeitsplätzen. Das heißt, wir haben kaum sogenannte Leichtarbeitsplätze oder ähnliches. Pförtnerstellen sind in unserem Unternehmen beispielsweise gar nicht vorhanden. Die Herausforderung ist daher meist, für jemanden, der körperlich stark eingeschränkt ist, einen körperlich wenig belastenden Arbeitsplatz zu finden, auf dem er seine Fachkenntnisse weiterhin einbringen kann.

Herr Teller, Sie können Ihre Fachkenntnisse weiterhin einbringen, auch wenn Sie nicht mehr am früheren Arbeitsplatz arbeiten können. Was ist Ihnen passiert?
Teller
: Ich habe 2007 als Betriebselektriker bei der August Jansen KG angefangen, einem Schwesterwerk von Dirostahl. Im gleichen Jahr bin ich von der Montagebühne gestürzt und habe mir das Sprunggelenk gebrochen. Ich dachte, gut, dann bis du jetzt ein bisschen krank und in sechs Wochen wieder da. Ich hatte verschiedene Operationen, da das Gelenk nicht geheilt ist. Das hat sich drei Jahre hingezogen, bis eine Ärztin der Berufsgenossenschaft mir mitgeteilt hat, dass ich meinen Beruf nicht mehr wie bisher ausüben können werde.

Was ging Ihnen da durch den Kopf?
Teller: Das war ein Schock. Ich dachte eigentlich, ich sei schon wieder auf dem Weg. Die Aussicht, nicht mehr in meinem alten Job arbeiten zu können, musste ich akzeptieren. Ich war zu allem bereit, auch dazu, etwas ganz Neues zu machen. Aber ich war glücklich, als für mich eine Position gefunden worden ist, in der ich mein handwerkliches Können einbringen kann.

Wößner: Wir haben für Herrn Teller eine neue Stelle in der Elektro-Werkstatt geschaffen. Einerseits macht er Reparaturen an kleineren elektrischen Anlagen an der Werkbank. Andererseits haben wir einen PC-Arbeitsplatz eingerichtet, so dass er mit seinem Fachwissen als Elektriker die Dokumentation von Instandhaltungsmaßnahmen übernehmen konnte. Das heißt, er überwacht und übernimmt die turnusmäßigen Sicherheitsprüfungen der Elektrik aller Anlagen im Stammwerk und bei Jansen und dokumentiert alle weiteren Reparaturen, Inventarnummern und für die Elektrik wichtigen Anlagendaten. Jemand wie Herr Teller, der sein Wissen als Elektriker mit dem für die Dokumentation nötigen EDV-Wissen ergänzt hat und nun im Sinne der betrieblichen Sicherheit einsetzt, ist für uns sehr wichtig.

Was haben Sie für die neue Stelle investiert?
Wößner: Alle Schulungen, den Werkbankplatz und die Stehhilfe hat die Berufsgenossenschaft finanziert. Wir haben nur die Ausfallzeiten gehabt, wenn Herr Teller bei den Schulungen war. Normalerweise ist auch ein Minderleistungsausgleich über das Integrationsamt für die Einarbeitungsphase am neuen Arbeitsplatz möglich. Herr Teller konnte seine Fachkenntnisse über die EDV-Schulungen aber direkt nutzen, so dass wir den Ausgleich gar nicht brauchten. Selbst, wenn unsere Kosten höher gewesen wären: Ein hochmotivierter Mitarbeiter, der seine Fachkenntnisse voll einbringen kann, ist immer eine gute Investition.

Teller: Es ist eine schöne Herausforderung, wenn man sich im Unternehmen noch einmal behaupten kann. Nach der langen Zeit, in der ich arbeitsunfähig war, kann ich mich wieder eigenverantwortlich in eine Aufgabe, die sehr wichtig ist, einbringen.

Herr Wößner, wie geht es weiter mit dem Instandhaltungsmanagement für die Elektrik, wenn Herr Teller in Rente geht?
Wößner: Die Stelle wird auf jeden Fall wiederbesetzt. Unser Betrieb ist in den vergangenen Jahren gewachsen, viele Maschinen sind dazu gekommen. Da hat es irgendwann einfach am Überblick gefehlt. Das Wissen über die elektrischen Eigenschaften der Anlagen und ihre Sicherheit werden wir auch in Zukunft brauchen, wenn der Maschinenpark eher noch größer wird.

Was würden Sie anderen Unternehmen raten: Wie können sie Schwerbehinderte erfolgreich einsetzen?
Wößner: Sobald ein Unternehmen eine passende Bewerbung von einem Schwerbehinderten bekommt, sollte es sich an das Integrationsamt wenden. Man kann sich manchmal gar nicht vorstellen, welche Hilfen bei der Einrichtung von Arbeitsplätzen möglich sind. Wir hatten zum Beispiel eine gehbehinderte Mitarbeiterin. Vom Integrationsamt haben wir erfahren, dass es für sie einen Sitzlift gibt. Dieselbe Unterstützung leistet die Berufsgenossenschaft. Wichtig ist nur, den Kontakt schon früh herzustellen und die Ansprechpartner von vornherein in den Betrieb zu holen. Dann ist es nachher viel leichter.

Mehr zu diesem Thema auf KOFA.de:

Wiedereingliederung

Wiedereingliederung nach Krankheit oder Unfall: Ein betriebliches Eingliederungsmanagement unterstützt Betroffene bei der Rückkehr ins Arbeitsleben. mehr

Ausbildung von Menschen mit Behinderung

Die Inklusion von Menschen mit Behinderung in der dualen Ausbildung ist ein Erfolgsmodell. Wie gelingt sie auch in Ihrem Unternehmen? mehr

Menschen mit Behinderung

Sie suchen Fachkräfte? Nutzen Sie das Potential von Menschen mit Behinderung. Hier gibt’s Hinweise zur Rekrutierung von Menschen mit Behinderung. mehr

Praxisbeispiel: Schulkooperationen im Maschinenbau – KOFA

Über Schulkooperationen sucht die Albert Koch Maschinen- und Vorrichtungsbau GmbH den Kontakt zu möglichen Auszubildenden. Auch Jugendliche mit Förderbedarf spricht das Unternehmen an. mehr

Praxisbeispiel: Menschen mit Behinderung rekrutieren – KOFA

Die Reinert Kunststofftechnik GmbH & Co KG rekrutiert gezielt Menschen mit Behinderung. Die gemischten Teams fördern eine gute Arbeitsatmosphäre. mehr

Praxisbeispiel: Menschen mit Behinderung beschäftigen – KOFA

Geschäftsführer Josef Brunner hat in behindertengerechte Arbeitsplätze investiert. Was er dafür bekommen hat? Engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ein gutes Betriebsklima und Innovation in der Produktion. mehr

Dezember 2014 - Wiedereingliederung

Thema des Monats: Mit betrieblichem Eingliederungsmanagement sichern Sie vorhandene Fachkräftepotenziale im Unternehmen. mehr

Ausbildungssituation in deutschen Unternehmen

Der Bedarf an Auszubildenden wächst – das sagen zwanzig Prozent der KMU. Hier finden Sie Daten und Fakten zum Thema. mehr

Beschäftigte mit Behinderung

Menschen mit Behinderung stellen ein großes und derzeit oft ungenutztes Fachkräftepotenzial dar. Fakten zum Thema erhalten Sie hier. mehr

Feedback geben