Praxisbeispiel: Erfolgreiche Inklusion dank Inklusionshelfer

MBE Coal & Minerals Technology GmbH hat blinden Azubi ausgebildet

Wenn Daniel Hoß morgens von der S-Bahn zu seinem Arbeitsplatz bei der Kölner MBE Coal & Minerals Technology GmbH geht, liegen rund zehn Minuten Fußweg vor ihm. Der 28-Jährige kennt jedes der Häuser auf seinem Arbeitsweg, besonders die, an denen er abbiegen muss. Gesehen hat er sie nie: Daniel Hoß ist von Geburt an blind – „vollblind“, wie es im Ämterdeutsch heißt. Vor seiner Ausbildung zum Industriekaufmann bei dem Maschinenbauer machte er ein Mobilitätstraining. „Das heißt, dass ich in Begleitung den Weg von der Bahn und zurück abgegangen bin. Vollblinde erhalten in der Regel ein Training über 40 bis 60 Stunden.“ Hoß hat nur zehn Stunden in Begleitung eines Mobilitätstrainers gebraucht.

Branche: Maschinen- und Anlagenbau | Standort: Köln (NRW) | Beschäftigte: 60 (Köln), 200 (weltweit)

Stand: 2016

Inklusionshelfer war schon beim Vorstellungsgespräch dabei

So schnell hätte Hoß seine Karriere gerne gleich nach dem Abitur vorangetrieben. „Ich wollte immer schon in die Wirtschaft. Mein Ziel war eine etwas höhere Position.“ Er schrieb sich für den Studiengang Wirtschaftswissenschaften ein. Als man sich an der Universität aber auch nach vier Semestern nicht imstande sah, Daniel Hoß mit technischen Hilfsmitteln die Prüfungen abzunehmen, hatte der genug. „Ich habe dann zwei Jahre lang nach einem Ausbildungsplatz gesucht.“ Als es in der Heimatregion nicht klappte, hat er seinen Suchradius allmählich über die Region Wuppertal hinaus erweitert. 2012 landete seine Bewerbungsmappe auf dem Schreibtisch von Frank Beckhäuser, Personalleiter bei MBE Coal & Minerals Technology GmbH. Da hatte das Kölner Unternehmen für Kohle- und Mineralienaufbereitung sich eigentlich schon für eine Bewerberin entschieden. Doch Daniel Hoß‘ Bewerbung hat Beckhäuser neugierig gemacht: „Die Unterschrift stand unten mitten auf der Seite und sah irgendwie komisch aus. Dann habe ich im Anschreiben gelesen, dass er geburtsblind ist.“ Die Voraussetzungen für die Ausbildung, ein gutes Abitur zum Beispiel und ein ansprechendes Anschreiben, waren alle erfüllt. Hoß bekam eine Einladung zum Vorstellungsgespräch.

Schon vor dem ersten Kennenlernen tauchten viele Fragen im Unternehmen auf. Unter den 60 Mitarbeitern am Kölner Standort gab es bislang keinen Inklusionsfall. „Wie geht man mit einem blinden Menschen um? Wie begrüßt man ihn überhaupt?“ Beckhäuser beschloss, sich Rat bei Experten zu holen. „Das Integrationsamt beim Landschaftsverband Rheinland kannten wir bis dahin nur von der Ausgleichsabgabe im Rahmen der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung. Jetzt haben wir gelernt, dass es dort einen ,Integrationsfachdienst Sehen‘ gibt. Einen Mitarbeiter von dort haben wir zum Vorstellungsgespräch miteingeladen, um von Anfang an kompetente Unterstützung zu haben.“

Benötigte Hilfsmittel für blinde Mitarbeiter werden komplett gefördert

Daniel Hoß sitzt an seinem Schreibtisch und liest eine E-Mail. Besser gesagt: Er fühlt sie. Vor seiner Tastatur liegt eine Braille-Zeile. Ein sogenannter Screenreader, ein Programm, liest die visuellen Zeichen im Bildschirm aus, setzt sie in Sprache um und übermittelt die Zeicheninformationen an die Braillezeile. In dieser treten dann die Zeichen für die einzelnen Buchstaben hervor. Die Anschaffung einer Braillezeile ist eine der Antworten, die im Vorstellungsgespräch zusammen mit dem Integrationsfachdienst gefunden wurde. Ein Scanner, mit dem Hoß sich Texte einscannen und vorlesen lassen kann, und ein kleiner Braille-Labeldrucker, mit dem Hoß zum Beispiel Ordner bekleben und so abgelegte Dokumente gut wiederfinden kann, sind weitere Hilfsmittel.

„Dass es das alles gibt, wusste ich ja“, sagt Hoß, der inzwischen festangestellter Sachbearbeiter im Ersatzteilwesen bei MBE ist. Doch für alle weiteren Fragen rund um Finanzierung, Förderung und Beantragung ist man bei MBE auch im Nachhinein noch froh, schon vor Ausbildungsbeginn vom Integrationsfachdienst begleitet worden zu sein. „Ohne die Unterstützung wäre es wohl nicht zur Einstellung gekommen. Allein die Kosten von 10.000 bis 12.000 Euro für die Braillezeile hätten uns stutzen lassen“, sagt Beckhäuser. „Aber durch den Berater wussten wir, dass alle technischen Hilfsmittel, die ein sehender Mitarbeiter nicht braucht, zu 100 Prozent von der Arbeitsagentur gezahlt werden.“ Der Berater wusste auch, wo vor der Ausbildung welche Anträge gestellt werden müssen.

Doch noch eine weitere Ungewissheit wollte Frank Beckhäuser ausräumen: Dass Hoß nach 2 bis 3 Jahren der Ausbildung die Prüfung – wie damals an der Uni – nicht abgenommen wird, durfte nicht noch einmal passieren. Als der Schulleiter des Köln-Deutzer Berufskollegs versicherte, dass er als Mitglied eines IHK-Prüfungsausschusses für Industriekaufleute für die Möglichkeit der Prüfungsabnahme sorgen würde, stand der Ausbildungsvertrag.

Nach Feierabend stehen Haussanierung, Blindenfußball und Studium an

Farina Kubeth schaut in der Ersatzteilabteilung vorbei. Hier betreut Daniel Hoß die Kunden telefonisch, erstellt Angebote, verhandelt, schreibt Rechnungen. Kubeth sitzt gerade an den Jahresabschlusszahlen, da ist ein kurzer Plausch mit ihrem früheren Mit-Azubi eine willkommene Abwechslung. Noch heute gehen die beiden oft ein Kölsch zusammen trinken. Der 28-Jährige erzählt vom Fachwerkhaus, das er zusammen mit seinem Bruder saniert – neben dem Studium der „Business Administration“, dem er nach der Arbeit an einer privaten Hochschule in Essen nachgeht. Drei Prüfungen hat er bereits erfolgreich absolviert. Und neben dem Fußballtraining mit der Blindenfußballmannschaft des PSV Köln, deren Mannschaftskapitän Hoß ist. Zweimal ist er schon für die Blindenfußball-Nationalmannschaft aufgelaufen.

„In der Ausbildung hat sich alles sehr schnell eingespielt, auch weil Daniel sehr offen ist“, erzählt Kubeth. „Wenn er etwas braucht, um weiterarbeiten zu können, meldet er sich. An der Berufsschule wurden ihm die meisten Unterrichtsmaterialien als Dokumente zur Verfügung gestellt. Wenn nicht, habe ich sie ihm eben vorgelesen.“ Im Unternehmen selbst hat die Personalabteilung die Kollegen vor Ausbildungsbeginn vorbereitet. „Wir haben alle gebeten, keine Hindernisse auf den Laufwegen stehenzulassen – also Schubladen und Schranktüren immer zu schließen, keine Kartons rumstehen zu lassen. Auch die Tür zur Kaffeeküche haben wir ausgehängt, weil die ständig offen stand und eine Gefahr für Herrn Hoß darstellte“, sagt Beckhäuser. Heute würde er das nicht mehr machen: „Ich sage ihm oft einfach, dass er seinen Blindenstock richtig benutzen soll.“ Weil Hoß vor allem eines nicht möchte: eine Sonderbehandlung. „Ich bin da pflegeleicht“, sagt der Wuppertaler. Immer, wenn er mit neuen Kollegen zusammenarbeitete, habe er ihnen genau erklärt, was er erkennen kann und was nicht. „Wenn Mitarbeiter manchmal handgeschriebene Notizen für mich hatten, habe ich sie eben gebeten, dass sie es mir vorlesen, damit ich es eintippen kann.“

Frank Beckhäuser, Personalleiter

Wenn ich jemanden einstelle, habe ich einen Bedarf. Dann ist es egal, ob ich ihn mit behinderten oder nicht behinderten Menschen decke. Wenn ich geeignete Bewerbungen von behinderten Menschen habe, ist bei der Einstellung externes Expertenwissen sehr hilfreich.

Berührungsängste sind schnell verflogen

„Seine offene Art hat ihm selbst und seinen Kollegen sehr geholfen, dass die Berührungsängste schnell verflogen“, sagt Beckhäuser. Beim Umzug der Personalabteilung hat Hoß direkt mit angepackt und Ordner und andere Dinge allein vom alten ins neue Büro verfrachtet. „Er hat eine enorme Merkfähigkeit. Ein Protokoll macht er beispielsweise aus dem Gedächtnis größtenteils ohne Notizen – kurz nach der Sitzung ist es da, vollständig und sauber. Bei Präsentationen hat er die Charts, die er erstellt hat, genau im Kopf und trägt sie frei und ohne Lücken vor.“

Der Einstellungsprozess hat rund drei bis vier Monate länger gedauert als bei anderen Auszubildenden. Zeit, die vor allem Hoß selbst damit verbracht hat, Angebote für die technischen Hilfsmittel einzuholen, Anträge zu stellen und die verschiedenen Ämter aufzusuchen. Gut 40.000 Euro sind Braillezeile, Brailledrucker, Scanner und die Software wert: Kosten, deren Förderung zu 100 Prozent auf Daniel Hoß läuft. „Schließlich könnte es sein, dass Daniel Hoß den Arbeitgeber wechselt und dort die Hilfsmittel braucht“, sagt Personalchef Beckhäuser. Es wäre ein Verlust für die Kollegen und die MBE. „Daniel Hoß ist ein toller Mitarbeiter: Er ist intelligent, er ist mutig, und er ist witzig. Wir würden den gleichen Weg mit ihm immer wieder gehen.“

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