„Kommt zu uns, wir haben Wohnungen“

Der Kreis Freising und der Fachkräftemangel

Die aktuelle KOFA-Studie zu regionalen Fachkräfteengpässen in Deutschland zeigt: Für Unternehmen im Kreis Freising ist es besonders schwierig, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. 87,5 Prozent aller ausgeschriebenen Stellen wurden hier 2016 in so genannten „Engpassberufen“ ausgeschrieben. „Wir merken schon, dass viele Stellen über einen längeren Zeitraum nicht besetzt werden können oder dass die nachgefragte Qualifikation gar nicht oder nicht in vollem Umfang bei den Bewerbern vorhanden ist“, gibt auch der stellvertretende Bereichsleiter der Arbeitsagentur Andreas Bräutigam zu. „Wir verstehen es deshalb  mehr und mehr als unsere Aufgabe, Alternativen zu suchen – zum Beispiel Fachkräfte durch Qualifizierungsmaßnahmen heranzubilden, die wir dann den Arbeitgeber vermitteln können.“

Andreas Bräutigam, stellvertretender Bereichsleiter der Arbeitsagentur in Freising

Wir gehen davon aus, dass sich die Fachkräftesituation durch die Digitalisierung in den kommenden Jahren eher verschärfen wird. Durch die Digitalisierung geht der Trend zur Höherqualifizierung. Wir sehen es als unsere Aufgabe, die Arbeitssuchenden und Arbeitslosen zu begleiten und die Bildungsmaßnahmen so anzupassen, dass sie auf dem Arbeitsmarkt eine Chance haben.

Was tun bei Fachkräftemangel im Unternehmen?

Die Andreas Karl GmbH & Co. KG liegt in Fahrenzhausen, einer Gemeinde mit 4.600 Einwohnern, etwa 20 Autominuten von der Arbeitsagentur in Freising entfernt. Das Familienunternehmen existiert seit 1935. Der Großvater bot seine Dienste als Elektroinstallateur an, der Vater stieg in die Blech- und Stahlverarbeitung ein und spezialisierte das Unternehmen auf die Herstellung von Arbeitsplatzsystemen für Industriebetriebe. Andreas F. Karl ist einer von vielen Unternehmern in Freising, der längst verstanden hat, dass es nicht ausreicht, die Hände in den Schoß zu legen und auf Angebote der Arbeitsagentur zu warten. Vor allem der Bedarf an Konstruktionsmechanikern und Ingenieuren ist schwer zu decken. „Ich bin sehr zufrieden mit der Agentur hier vor Ort“, betont er. „Die Online-Jobbörse der Arbeitsagentur hat eine hohe Reichweite im gesamten Bundesgebiet. Das ist gut für uns – gleichzeitig merken wir, dass wir selbst viel mehr tun müssen, um unseren Bedarf an Arbeitskräften dauerhaft zu sichern.“

Branche: Produktion von Arbeitsplatzsystemen | Standort: Fahrenzhausen (Bayern) | Beschäftigte: 160

Stand: 2017

Fachkräfte selber ausbilden

Das Ringen um die besten Mitarbeiter fängt schon beim Nachwuchs an. „Wer kann es jungen Männern verübeln, wenn sie von einer Ausbildung bei BMW träumen?“, stellt er fest. Aber dieser starken Konkurrenz eines weltweit bekannten Konzerns muss sich der Mittelständler stellen – um hier vor Ort zukunftsfähig zu bleiben. „Von unseren 160 Mitarbeitern sind mittlerweile 10 Prozent Auszubildende“, sagt Karl. „Für uns bedeutet Fachkräftesicherung vor allem, dass wir so früh wie möglich Kontakt zu Schülerinnen und Schülern aufnehmen, sie von den Vorzügen unseres Unternehmens überzeugen und nach der Ausbildung auch versuchen zu halten.“

Fachkräftesicherung durch gute Ausbildung

Karl kooperiert deshalb mit mehreren Schulen und stellt sich dort regelmäßig vor. Das Unternehmen geht auf Ausbildungsmessen, bietet Schülerpraktika an und motiviert die Mitarbeiter, im Freundes- und Bekanntenkreis aktiv um neue Auszubildende zu werben. Maximilian Donle ist einer der Auszubildenden, die auf diesem Weg ins Unternehmen kam. „Mir haben ehemalige Mitschüler von der Ausbildung hier im Unternehmen erzählt“, berichtet er. „Ich wohne außerdem ganz in der Nähe – das waren für mich Gründe, mich zu bewerben.“ Der Fall des jungen Industriemechanikers zeigt, dass die Strategie von Andreas F. Karl aufgeht. „Auf die Empfehlungen der eigenen Mitarbeiter ist in der Regel Verlass“, bilanziert er selbst.

Werkswohnungen für Fachkräfte

Maximilian Donle und die anderen Auszubildenden lernen in einem stark wachsenden Betrieb. Vom beschaulichen Fahrenzhausen aus beliefert das Unternehmen weltweit Kunden aus der Industrie mit ihren technischen Arbeitsplatzsystemen. Die Umsätze schießen seit Jahren in die Höhe. 2015 hat das Unternehmen eine neue, 1.200 Quadratmeter große Werkshalle bauen lassen. Folgt man Andreas F. Karl durch diese Werkshalle zum Hinterausgang, zeugt ein Riegel von Reihenhäusern von der Tatsache, dass er nicht der erste in der Firmengeschichte ist, der sich mit dem Thema Fachkräftesicherung auseinandersetzt. „Meine Vorgänger haben diese Häuser schon in den 1970er Jahren bauen lassen, um Arbeiter aus der weiteren Region anzuwerben. Auch damals war die Firma auf Wachstumskurs. Auch damals brauchten wir gute Leute, die die Produktion stemmen.“

Die Vergabe der Reihenhäuser regelt Andreas Karl heute über eine Warteliste – so beliebt sind die Immobilien. Die Häuschen grenzen direkt an die Werkshalle. Sedik Izahan wohnt hier. Er hat sich während der Osterferien ein paar Tage frei genommen. Wenn er wollte, könnte er von dem kleinen Garten hinter dem Haus die Kollegen beim Arbeiten beobachten – Fenster geben den Blick auf die Arbeitsplätze frei, an denen gestanzt, gekantet, geschweißt und montiert wird. „Ich mag die Nähe zu meinem Arbeitsplatz“, versichert er glaubhaft und lacht. Vor dem Umzug in das Werkshaus ist Sedik Izahan von München aus gependelt. Jetzt schlendert er morgens vom Frühstückstisch zur Werkshalle. „Für die Kinder ist ein Haus mit Garten einfach klasse“, sagt er. „Wir fühlen uns als Familie viel freier als in der Großstadt. Die Kinder können einfach draußen spielen – das ist toll.“

Was tun, wenn es den perfekten Bewerber nicht gibt?

Andreas Bräutigam, stellvertretender Bereichsleiter der Arbeitsagentur in Freising

„Bezahlbarer Wohnraum ist im Kreis Freising ein riesen Thema, wenn es darum geht, Fachkräfte zu rekrutieren“, meint auch Andreas Bräutigam von der Arbeitsagentur. „Die Mieten für eine familiengerechte Wohnung sind für Facharbeiter hier vor Ort kaum zu bezahlen.“ In zehn Jahren könne sich das ändern, wenn die staatlich geplanten Programme für öffentlich geförderten Wohnraum greifen – und bis dahin? „Schon jetzt ist unser erstes Ziel, die Menschen aus der Region fit für die Anforderungen der Betriebe zu machen, statt Menschen aus der Ferne zu rekrutieren, die erstmal auf Wohnungssuche gehen müssen“, erklärt Bräutigam. Natürlich gebe es auch Programme zur Rekrutierung von Fachkräften aus dem Ausland. Weitaus häufiger fördere die Arbeitsagentur aber Qualifizierungsprogramme, wie zum Beispiel WeGebAU, bei dem KMU bei der Weiterbildung von gering qualifizierten und älteren Arbeitnehmern unterstützt werden. 2016 hat die Behörde fast 100 solcher Weiterbildungen gefördert. Im Handwerk wurden Mitarbeiter zum Beispiel als Dachdecker, Elektroniker und Metallbauer qualifiziert.

Bei der Suche nach neuen Auszubildenden rät Bräutigam KMU, gewisse Abstriche in Kauf zu nehmen. „Vor allem in technischen Berufen gibt der Markt die Wunschbewerber häufig nicht her – wir haben aber Kandidaten, von denen wir durchaus glauben, dass sie die Ausbildung schaffen können, wenn sie durch ausbildungsbegleitende Hilfen oder die assistierte Ausbildung unterstützt werden“, erklärt Bräutigam.

Wer neue Mitarbeiter aus der Ferne nicht mit günstigem Wohnraum locken kann, muss im Wettbewerb um gute Mitarbeiter also andere Wege gehen: Im Kreis Freising scheinen Arbeitsagentur und Unternehmen sich darin einig zu sein. Sie haben sich längst darauf eingestellt, dass der Fachkräftemangel in ihrer Region nicht morgen verschwinden wird und gehen bei der Fachkräftesicherung daher mehrere Wege parallel.

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