Flüchtlinge im Handwerk

Integration bei coastworxx

Unternehmens-Präsentation beim Bundespräsidenten, Teilnahme bei einer Expertenrunde der Bundeskanzlerin – in Kurzform ist es das, was Christian Lübbe im September 2016 erlebt hat. Sein Alltag heute sieht natürlich anders aus: Da ist Christian Lübbe Geschäftsführer der Firma Coastworxx, einer Segelmacherei in Kiel.

Christian Lübbe ist eigentlich nicht der Typ Mensch, der den öffentlichen Auftritt sucht. Und es gehört auch nicht zu seinen Lebensträumen, der deutschen Polit-Prominenz einmal die Hand geschüttelt zu haben. Aber der gelernte Segelmacher und Industriekaufmann hat einen starken inneren Kompass. Er ist überzeugt davon, dass die Integration von Flüchtlingen in unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft gelingen kann – und er wartet nicht auf andere, sondern setzt diese Überzeugung in seinem eigenen Unternehmen um. Genau das ist der Grund, warum Christan Lübbe im Herbst 2016 in einem Werbe-Spot der Wirtschafts-Initiative „Wir zusammen“ im Fernsehen zu sehen war. Und dieser Öffentlichkeit ist es zu verdanken, dass Joachim Gauck und Angela Merkel sich plötzlich für einen Handwerksbetrieb mit zurzeit sieben Mitarbeitern interessierten.

Christian Lübbe und Ahmed Alsahani aus Syrien präsentieren Coastworxx bei Bundespräsidenten Joachim Gauck

Kontakt mit Flüchtlingen

Die Werkstatt von Christian Lübbe ist nicht weit weg von einem großen Flüchtlingsheim. „Meine Frau hat schon sehr früh angefangen dort Deutschkurse zu geben – und ich habe sie häufiger ins Flüchtlingsheim begleitet, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen und Hilfe anzubieten“, erzählt Lübbe im Rückblick.

Durch Zufall kam der Segelmacher auch mit einem jungen Mann aus Syrien ins Gespräch. Ahmed Alsahani erzählte ihm, dass sein Vater Mohammad in Damaskus eine Polsterei besessen hatte und somit Experte in der Verarbeitung schwerer Stoffe sei. Christian Lübbe wurde neugierig. In der Vergangenheit hatte er immer wieder Schwierigkeiten Mitarbeiter für seine Segelmacherei zu finden. Die Familie Alsahani war ihm sofort sympathisch. Und so bot er Mohammad Alsahani und seinen Söhnen Ahmed und Yousef zunächst eine geringfügige Beschäftigung in seiner Werkstatt an.

Flüchtlinge aus der Textilbranche

Für den Geschäftsführer war es nicht das erste Mal, dass er unter den Flüchtlingen Menschen begegnete, die das Handwerk als Näher beherrschen. Vor dem Bürgerkrieg war die Textilindustrie ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Syrien. Der Krieg hat viele Betriebe zerstört, Nähmaschinen wurden vernichtet. Aber die Fähigkeit, Stoffe zu verarbeiten, haben die Menschen nicht verlernt. Wer die Flucht überstanden hat, bringt auch sein handwerkliches Können mit nach Deutschland.

„Ich habe vom ersten Tag an gemerkt, dass Mohammad Alsahani weiß, worum es bei uns geht“, sagt der Unternehmer. „Er kann die Pläne lesen, die Art zu Nähen ist ihm vertraut. Für uns hat das alles gepasst. Deshalb habe ich ihm nach drei Monaten eine sozialversicherungspflichtige Stelle angeboten – und wir sind nach wie vor sehr glücklich über diese Zusammenarbeit.“

Als Handwerksbetrieb bei „Wir zusammen“

Kurz nach dem ersten Kontakt mit der Familie Alsahani, schloss sich Christian Lübbe der Wirtschafts-Initiative „Wir zusammen“ an, einem Bündnis aus Unternehmen, die eigene Konzepte zur Integration von Flüchtlingen entwickelt haben. Als Mitglied dieser Initiative wurde er im September 2016 von der Bundeskanzlerin zu einer Experten-Runde eingeladen.

„Wir zusammen“ zu Besuch bei der Bundeskanzlerin – Christian Lübbe im Expertenkreis

„Ich wollte mich vernetzen und finde es auch wichtig, dass Unternehmen in Sachen Integration Farbe bekennen“, sagt Lübbe. Dass er bislang einer der wenigen klein- und mittelständischen Betriebe in dieser Runde ist, stört ihn nicht. „Aber ich engagiere mich natürlich auch in der Hoffnung, dass andere Betriebe es einfach mal ausprobieren. Gerade in der Textilbranche sehe ich unter den Flüchtlingen ein riesiges Potenzial an erfahrenen und gut ausgebildeten Leuten – die Zusammenarbeit lohnt sich für beide Seiten.“

Christian Lübbe möchte in Zukunft noch mehr Flüchtlingen in seiner Werkstatt eine Chance geben. In Kooperation mit anderen Unternehmern in der Küsten-Region plant er, eine Ausbildungswerkstatt einzurichten. Die soll dann nicht nur geflüchteten Jugendlichen eine Perspektive bieten, sondern für alle offen sein, die das Handwerk des Segelmachers erlernen möchten.

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Interview mit Dirk Werner, Leiter des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung

Dirk Werner, Leiter des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung

Wie beurteilen Sie das Engagement von Coastworxx – ist das exemplarisch oder eher ein Einzelfall?

Das, was Coastworxx macht, ist schon etwas Besonderes, und zwar in dem Sinne, dass erst wenige Unternehmen Flüchtlinge in Vollzeit beschäftigen. Das liegt vor allem daran, dass die Zielgruppe der Geflüchteten überwiegend noch nicht am Arbeitsmarkt angekommen ist, sondern dass die Menschen erst einmal Integrations- und Sprachkurse besuchen und Praktika absolvieren. Integration braucht eben Zeit.

Was wir allerdings beobachten können, ist, dass es vor allem die vielen kleinen und mittleren Unternehmen sind, die die Integration stemmen – insofern steht Coastworxx exemplarisch dann doch für diese Gruppe.

Von den rund 40.000 Flüchtlingen, die im Vergleich zu Anfang 2014 bereits in Beschäftigung gekommen sind, ist der allergrößte Teil im Mittelstand. Das liegt vor allem daran, dass die Beschäftigungsmöglichkeiten dort viel breiter sind und der Qualifikationsbedarf anders. Darüber hinaus sind KMU in ihrer Region meist tiefer verwurzelt und kommen dadurch leichter mit der Zielgruppe in Kontakt.

Herr Lübbe hat sich in seinem Flüchtlingsengagement sehr früh vernetzt und ist der Kampagne „Wir zusammen“ beigetreten. Ein guter Schritt?

Ja, denn grundsätzlich halte ich Netzwerke vor allem für kleine und mittlere Unternehmen für extrem wichtig. Das ist einfach eine gute Möglichkeit externe Tipps und Hilfestellung zu bekommen, sei es in der Frage, wie man mit Flüchtlingen in Kontakt tritt oder aber, welche Fördermöglichkeiten es gibt. Auch bei rechtlichen Schwierigkeiten oder Fragen der Ausbildungsgestaltung hilft es mit Sicherheit, sich Rat einzuholen.

„Wir zusammen“ finde ich sehr lobenswert, weil ich glaube, dass wir mehr Initiativen brauchen, die öffentlich Gesicht zeigen und so eine Vorreiter-Rolle übernehmen. Viele Unternehmen wollen ja auch erst einmal schauen: Wie funktioniert Integration bei anderen? – Positive Praxisbeispiele machen Mut, es selbst auszuprobieren.

In der Presse hat es vor allem im letzten Jahr häufig Stimmen dahingehend gegeben, dass die großen Wirtschaftsunternehmen bei „Wir zusammen“ zu wenig leisten. Ist so eine Initiative am Ende mehr Schein als Sein?

Von Schuldzuweisungen und dem Hinweis, dass noch viel zu wenig getan wurde, halte ich gar nichts. Bevor wir den Finger auf andere richten, sollten wir auch immer erst über unser eigenes Engagement nachdenken.

Es ist schon richtig: Sowohl die Bundesinstitutionen als auch die großen Unternehmen haben bei der Integration von Flüchtlingen noch nicht die großen Zahlen von Beschäftigten erreicht. Das ist aber auch wenig überraschend. Der Großteil der Flüchtlinge ist zurzeit noch in der Phase der Antragsstellung für den Asylantrag. Dann kommen Integrations- und Sprachkurse. Anschließend oder parallel beginnen berufsvorbereitende Maßnahmen. Und dann erst kann es Richtung Ausbildungsmarkt und Beschäftigung gehen.

Wir sehen zurzeit ein sehr großes Engagement der Wirtschaft in Sachen Praktika, also Berufsorientierung und Einstieg in Ausbildung und Arbeit. Und in diesem Jahr sind die ersten nennenswerten Zahlen von jungen Flüchtlingen zu erwarten, die ihre Ausbildung beginnen. Aber bis ein Großteil dieser Menschen im Arbeitsmarkt angekommen ist, wird das sicher fünf Jahre oder auch länger brauchen.

Der Geschäftsführer von Coastworxx ist im Rahmen der „Wir zusammen“-Kampagne war auch in einem Fernseh-Spot zu sehen. Er hat damit denjenigen KMU ein Gesicht gegeben, die jetzt schon Flüchtlinge einstellen. Ein wichtiges Statement?

Ja durchaus. Und ich würde mir wünschen, dass mehr kleine und mittelständische Unternehmen selbstbewusst von ihrem Engagement berichten und nach außen wirken.

Gleichzeitig scheuen natürlich viele den Aufwand, den das mit sich bringt. Sie haben ja häufig nicht eine eigene Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, die sich diesem Themenbereich widmen kann und hierfür speziell ausgebildet ist. Stattdessen hängt ganz viel am Geschäftsführer, der mit seiner Zeit gut haushalten muss.

Aber wer die Möglichkeit hat, sollte sich nicht verstecken. Tue Gutes und rede darüber. Denn wer seine Erfahrung teilt, kann etwas bewirken.

Wir danken Herrn Werner für das Gespräch

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