Flüchtlinge: aus der Sprachschule ins Praktikum

Im Foyer der Kölner Sprachschule Benedict steht ein orangefarbenes Ledersofa – man denkt an Schülercafés, an Rucksackreisen, an Träume und an Aufbruch. Man denkt nicht an Terror und Krieg. Die Jugendlichen, die hier auf dem Sofa sitzen, sprechen wenig über ihre Vergangenheit. Wer Kriegsflüchtling oder zugezogener EU-Bürger ist? Hier spielt das keine Rolle. Sie sind Sprachschüler. Im Integrationskurs vereint Jugendliche aus Syrien, Afghanistan, Italien oder Portugal ein gemeinsames Ziel: Sie möchten Deutsch lernen und sich eine Zukunft aufbauen.

Praktikum als Teil des Sprachkurses

Auch Pekam Mamond aus Afghanistan nimmt vor Unterrichtsbeginn auf dem orangefarbenen Sofa Platz: „Ich möchte später in der IT-Branche arbeiten“, erzählt er. 24 Jahre ist er alt. Vor sieben Monaten ist er mit seiner Frau nach Deutschland eingereist. Jetzt will er möglichst schnell auf eigenen Füßen stehen. Im Sprachkurs lernt er Deutsch. Der Orientierungskurs wird ihm die Kultur, die Geschichte und die politischen Grundregeln seiner neuen Heimat nahebringen. Ein zweiwöchiges Praktikum soll ihm außerdem einen ersten Einblick in den deutschen Arbeitsalltag ermöglichen.

„Wir nehmen das Praktikum als einen wichtigen Baustein des Integrationskurses sehr ernst“, erklärt Isabel Libanio, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Petra Bagnetti-Kairies die Kursorganisation übernimmt. „Unser Ziel ist, dass alle Schüler diese Praxisphase durchlaufen.“

Es gibt viele gute Gründe für das Praktikum: Die Jugendlichen verlassen den behüteten Raum der Schule. Sie lernen die Gesellschaft, in der sie leben, aus einer neuen Perspektive kennen. Sie können Kontakt zu potenziellen Arbeitgebern knüpfen. „Vor allem legen wir aber Wert darauf, dass unsere Schüler ihre Sprachkompetenz verbessern“, erklärt Bagnetti-Kairies. „Das setzt natürlich voraus, dass die Mitarbeiter des Unternehmens mit den Schülern sprechen und sie nicht ausschließlich putzen lassen – das hatten wir leider auch schon.“

Herausforderung Praktikumssuche

Wenn alles nach Plan läuft, soll auch Pekam Mamond im Juni 2016 ins Praktikum gehen. Jetzt ist es Mitte April. „Ich habe noch keinen Platz“, erklärt er. Mamond muss sich konzentrieren, um die richtigen Worte zu finden. „Die Suche ist für mich sehr schwer. Sieben Monate in Deutschland sind keine lange Zeit. Ich weiß nicht, bei welchen Unternehmen ich mich bewerben kann. Und mein Deutsch ist noch nicht sehr gut.“

Mamond ist mit seiner Erfahrung nicht allein. Schon der Telefonanruf bei einem Unternehmen kostet viele Sprachschüler enorme Überwindung. Danach steht möglicherweise ein Vorstellungsgespräch an – und das alles auf Deutsch, der Sprache, die die Jugendlichen erst seit einigen Monaten lernen.

Erst einer von 15 Schülern hat eine vage Zusage. Hussein Abdelaziz aus Syrien darf möglicherweise drei Wochen lang beim TÜV-Rheinland mitarbeiten. In Damaskus war er Student. Das Praktikum sieht er als Chance, sich beruflich neu zu orientieren. Aber auch ihn hat der Bewerbungsprozess gefordert: „Das Bewerbungsgespräch war für mich Stress“, sagt er ehrlich. „Aber ich hoffe, es passt.“

Sprachschule begleitet das Praktikum

Die Sprachlehrerin Sandra Koehn-Zambrana leitet den Kurs von Mamond und Abdelaziz. Sie glaubt fest daran, dass das Praktikum ihre Sprachschüler weiterbringt – auch wenn es für sie viel Arbeit bedeutet. „Die Kontakte müssen unsere Schüler selbst knüpfen. Das nehmen wir ihnen nicht ab. Aber natürlich schreiben wir zusammen die Bewerbungsunterlagen und besuchen die Schüler während des Praktikums.“

Sandra Koehn-Zambrana kennt die Nöte ihrer Schüler bei der Praktikumssuche. Aber man müsse auch die Unternehmen verstehen. Zwei Wochen seien keine lange Zeit. Und die Sprache ihrer Schüler sei auch nicht perfekt – im direkten Kundenkontakt könne das schwierig sein. Trotzdem fänden die Schüler fast immer einen geeigneten Betrieb. „Der eine darf beim Bäcker nebenan anfangen. Der andere kennt über zwei Ecken einen Autohändler.“ Häufig spiele der persönliche Kontakt eine entscheidende Rolle. Darüber hinaus kooperiert die Sprachschule seit Jahren mit einem Hotel in der Kölner Innenstadt. Vor allem bei geflüchteten Jugendlichen gelten Hotelgewerbe und Gastronomie als Branchen, in denen man mit etwas Glück eine Ausbildung oder einen ersten Job ergattern kann. In Zukunft möchte die Sprachschule noch mehr langfristige Kooperationen mit Unternehmen aus der Region aufbauen.

Vom Praktikum in Arbeit oder Ausbildung

Für Abdelaziz, Mamond und die anderen Sprachschüler gibt es neben dem Praktikum natürlich noch andere Themen. „Party-Time“ steht auf einem Plakat, an dem eine Lerngruppe gerade arbeitet. Darunter haben die Schüler Fotos und Texte über die wichtigsten Ausgehviertel in Köln zusammengetragen. „Das sind eben ganz normale Jugendliche“, sagt Sandra Koehn-Zambrana. „Aus deutschen Schulklassen kennt man das auch: Manchmal haben die Schüler Bock auf ihre Arbeit und manchmal nicht. Bei uns ist das nicht anders.“

Unternehmen empfiehlt sie, von Anfang an klare Regeln für die Praktikanten aufzustellen und ihnen einen festen Ansprechpartner zu nennen. „Wenn wir unsere Sprachschüler im Unternehmen besuchen, bekommen wir fast immer ganz tolle Rückmeldungen – zum Beispiel, dass sie sehr sozial und sehr lernwillig sind“, erzählt sie. Eine italienische Hochschulabsolventin konnte nach ihrem Praktikum als Architektin in einem Kölner Büro anfangen. Ein mittelständisches Unternehmen für Arbeitskleidung hat einem jungen Syrer nach dem Praktikum einen Ausbildungsplatz angeboten. „Auch in dieser Hinsicht gibt es also durchaus Erfolgsgeschichten.“

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