Praxisbeispiel: Frauen fördern im Tischlerhandwerk

„Gemischte Teams verändern das Betriebsklima positiv.“

Jörg Julius Kapune ist laufend auf der Suche nach Nachwuchs für seine Tischlerei Julius Möbel in Overath. Vor allem in der Förderung von Frauenkarrieren sieht er großes Potenzial in seiner Schreinerei mit derzeit 14 Mitarbeitern. Im Doppelinterview sprechen Tischlermeisterin Viola Schumann und Kapune über ihre Erfahrungen.

Branche: Tischlerhandwerk | Standort: Overath (NRW) | Beschäftigte: 14

Stand: 2015

Das Tischlerhandwerk gilt als Männerdomäne. Wie einfach ist es für Frauen, hier einzusteigen?

Schumann: Als ich vor etwa zehn Jahren einen Ausbildungsplatz als Tischlerin gesucht habe, habe ich alleine aufgrund der Tatsache, dass ich eine Frau bin, viele Absagen bekommen – zu klein, nicht genug Kraft, kommt die überhaupt mit dem rauen Ton auf den Baustellen klar und was, wenn sie nach der Probezeit schwanger wird? Das waren, wenn auch selten offen gesagt, die Argumente. Ich habe mindestens 60 Bewerbungen geschrieben, bis es endlich einen gab, der gesagt hat: Ich mache das, ich stelle eine Frau ein. Das war ein Tischlermeister, der schon vor mir Tischlerinnen ausgebildet hat.

Kapune: In meiner Ausbildungszeit waren Frauen in dem Beruf noch seltener. Meine Schwester zum Beispiel war in den 80er Jahren eine echte Exotin mit ihrer Ausbildung zur Tischlerin. Aber es gab sie auch damals schon, und ich war immer froh, wenn mir eine Gesellin etwas erklärt hat – da musste ich nicht immer alles sofort können und bekam die Dinge so erklärt, dass ich sie verstanden habe. Ich habe nicht umsonst so viele Frauen eingestellt; schon der Ton ist ein ganz anderer.

Sind Sie mit mehr als einem Drittel Frauenanteil denn heute auch ein Exot?

Kapune: Frauen haben sich inzwischen im Tischlerhandwerk etabliert. Ich habe zum Beispiel einen Unternehmerfreund, der einen Malerbetrieb hat. Wenn wir ein gemeinsames Projekt haben, kann es gut sein, dass er zwei Frauen dorthin schickt, ich zwei und die vier dann die ganze Baustelle schmeißen.

Jörg Julius Kapune, Inhaber der Firma Julius Möbel

Frauen zeigen in unserem Beruf oft viel mehr Biss und Ehrgeiz. Sie wissen genau, was sie wollen und sind für mich durch ihre Freundlichkeit und Kompetenz eine gute Werbung beim Kunden.

Wie reagieren die Kunden?

Schumann: Es gibt beides: Die, die meine Kompetenz von vornherein in Frage stellen und die, die sich freuen, wenn ich vor der Tür stehe. Es gibt viele Kunden und besonders Kundinnen, die super finden, was ich mache, und mir sagen: „Da hätte ich auch Spaß dran gehabt.“
Was mich in meiner Ausbildung so motiviert hat, war zu sehen, wie die Auszubildende, die ein Jahr weiter war als ich, total selbstverständlich an den Maschinen gearbeitet und wunderbare Massivholzmöbel hergestellt hat. Ich habe die Späne weggefegt und gedacht „Ist die cool“.

Kapune: Für mich ist es eine gute Werbung, wenn Frau Schumann beim Kunden klingelt und gutes Benehmen genauso wie Kompetenz ausstrahlt. Viele fragen mich mittlerweile schon: „Schicken Sie wieder Frau Schumann?“

Dann versuchen Sie, nur noch Frauen einzustellen?

Kapune: Nein, ein gemischtes Team ist für einen Betrieb unserer Größe wichtig. Wir könnten schon rein handwerklich nicht die ganze Werkstatt nur mit Frauen am Laufen halten. Und natürlich halte ich Männer nicht grundsätzlich für weniger kompetent. Es ist aber sehr häufig so, dass Frauen in diesem Beruf viel mehr Biss und Ehrgeiz zeigen. Sie wissen, was sie wollen und arbeiten sehr gewissenhaft und sauber. Männer brauchen eher länger, um zu sehen, ob das Tischlerhandwerk etwas für sie ist.

Wie haben Ihre Mitarbeiter die Kolleginnen angenommen?

Kapune: Als Frau Schumann gekommen ist, war es anfangs tatsächlich ziemlich unruhig. Sie hat als Meisterin direkt auf der zweiten Projektebene angefangen, das heißt, sie hatte auch etwas zu sagen. Die Männer hatten alle mehr praktische Erfahrung und waren skeptisch, ob sie das alles genauso kann. Es stellte sich aber schnell heraus, dass sie nicht nur absolut zuverlässig und sauber arbeitet, sondern auch betriebswirtschaftlich stark ist. Ich habe sie deshalb immer stärker ins Management einbezogen. In der Werkstatt arbeiten heute eine Gesellin und eine Auszubildende – ohne Probleme.
Schumann: In der direkten Fertigung bin ich zurzeit nicht mehr. Ich arbeite an der Kalkulation, betreue Lehrlinge und Gesellen, fahre zu Kundenterminen, ziehe Aufträge heran und bin direkte Ansprechpartnerin für die Kunden. Gerade steige ich auch ins Controlling ein.

Was machen Sie, wenn Ihre Mitarbeiterinnen schwanger sind?

Kapune: Dann freue ich mich! Wir haben zwei Firmen mit betriebseigenen Kitas in der Nähe, die auch Kinder von Externen aufnehmen. Und warum sollte nicht eine kleine Schumann oder ein kleiner Schumann mal mit ins Büro kommen? Eventuell arbeitet der Nachwuchs ja auch mal hier.

Wie suchen Sie denn neues Personal?

Kapune: Wir suchen laufend; sei es durch Flyer an Kunden, in denen wir nicht nur für neue Angebote werben, sondern auch um Hilfe bei der Azubi-Suche bitten, oder Aushänge im Baumarkt und Supermarkt. Außerdem holen wir über Praktika immer wieder junge Leute rein und machen beim Girls‘ Day mit, um besonders die Mädchen zu motivieren. Am wichtigsten sind aber immer noch Kontakte: Die meisten meiner 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind über Empfehlungen gekommen.

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