Flexible Arbeitszeiten bei der ise GmbH

Warum es sich lohnt, auf Mitarbeiterwünsche einzugehen

Als die Personalverantwortliche Claudia Cyriacks-Schmitt vor 16 Jahren nach der Fachhochschulphase als Praktikantin bei der ise GmbH erste Programmier-Erfahrung sammelte, standen die Arbeitsplätze des Start-Ups noch zwischen Umzugskartons. In den Büro-Räumen roch es nach italienischer Küche – wenn es spät wurde, riefen die programmierenden Geschäftsführer ihre Bestellung dem Pizzabäcker im Untergeschoss durch das offene Fenster zu. „Wir waren jung und sehr leidenschaftlich bei der Arbeit“, erinnert sich Cyriacks-Schmitt zurück. „Festgeschriebene Arbeitszeitregelungen gab es nicht – jeder ist so gekommen und gegangen, wie es passte.“

Claudia Cyriacks-Schmitt ist heute nicht mehr Praktikantin, sondern Prokuristin in dem Unternehmen, das Soft- und Hardware für die Gebäudeautomatisierung entwickelt. Das Startup von damals ist erwachsen geworden. Es hat Höhen und Tiefen erlebt und sich am Markt etabliert – interne Strukturen haben sich verändert. Und auch das richtige Arbeitszeitmodell musste im Laufe der Jahre erst gefunden werden. „Wir haben in der Wachstumsphase gemerkt, dass wir eine Kernarbeitszeit zwischen 9 und 15 Uhr brauchen, in der die Mitarbeiter verbindlich vor Ort sind – und vor zwei Jahren sind die Mitarbeiter mit dem Wunsch nach flexibleren Arbeitszeiten auf uns zugekommen. Das haben wir dann auch umgesetzt.“

Branche: Internet & Informationstechnologie | Standort: Oldenburg (Niedersachsen) | Beschäftigte: 86

Stand: 2016

Flexible Arbeitszeiten sind in der ise GmbH kein Frauenthema – das wäre auch schwierig, in einem Unternehmen, in dem nicht mal jeder Zehnte in der Belegschaft weiblich ist. Sie wurden auch nicht eingeführt, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Aber ganz nebenbei ist es nun mal auch das, was flexible Arbeitszeiten leisten. „Als das Unternehmen und ein Großteil unserer Mitarbeiter jung waren, spielte Familienfreundlichkeit bei uns keine Rolle. Aber seit wir auch erfahrenere Kollegen beschäftigen, ist das ein Thema – und wir haben als Arbeitgeber etwas zu bieten“, sagt Cyriacks-Schmitt.

Kommunikation als wichtige Basis

Die Prokuristin trägt gemeinsam mit den Geschäftsführern der ise GmbH die Verantwortung für 86 Mitarbeiter. Vom Auszubildenden bis zur Geschäftsleitung duzen sich alle. Das ist schön, wenn die Stimmung gut ist – und schmerzhaft, wenn Trennungen unvermeidlich werden. So wie 2004, als plötzlich die Aufträge fehlten. „Ich denke, wir haben in dieser Krisen-Zeit gelernt, wie wichtig eine vertrauensvolle Kommunikation in einem Unternehmen ist“, sagt Cyriacks-Schmitt. „Und Kommunikation geht bei uns immer in beide Richtungen – von der Geschäftsführung in Richtung Mitarbeiter, aber auch umgekehrt.“

Forderung nach flexiblen Arbeitszeiten

Die Einführung sogenannter „Zukunftsworkshop“ vor zwei Jahren war eine Idee von „Oben“ – Gemeinsam mit allen Mitarbeitern, die Interesse und Ideen dazu hätten, wollte die Geschäftsführung über den zukünftigen Kurs der Firma sprechen, über Innovationen und über die Organisation der Arbeit. Die Forderung nach flexiblen Arbeitszeiten kam dann von „Unten“. „Es war gleich der erste Wunsch, den die Mitarbeiter in den Zukunftsworkshop eingebracht haben“, erinnert sich Cyriacks-Schmitt. „Vor allem unter unseren Programmierern gab es das Bedürfnis, die Kernarbeitszeit flexibler zu gestalten. Dieses Anliegen haben wir ernst genommen.“

Es wurde ein Plan entwickelt: Kernarbeitszeiten sollte es nur noch zwischen 11 und 14 Uhr geben. Die Randzeiten sollten flexibel sein. Die Firma wollte die neue Regelung ein halbes Jahr ausprobieren – mittlerweile existiert sie seit zwei Jahren. Glaubt man dem Instrument der Mitarbeiterbefragung ist die Zufriedenheit im Unternehmen seitdem weiter gestiegen.

Arbeitszeiten werden im Team abgesprochen

Dustin Polke ist Programmierer bei der ise GmbH. Er war keiner von denen, die sich die flexiblen Arbeitszeiten gewünscht haben. Aber er ist heute einer von denen, die sie als Glück empfinden. „Es ist vieles einfacher geworden“, sagt der 38-Jährige. „Vor dieser Regelung mussten wir eine offizielle Anfrage bei der Geschäftsführung stellen, wenn sich zum Beispiel der Handwerker für zuhause angekündigt hatte. Heute sage ich meinem Team Bescheid – und die fehlenden Stunden hole ich an einem anderen Tag nach.“

Im Team von Dustin Polke arbeiten ausschließlich Männer. Und sie nutzen die flexible Regelung nicht nur, wenn der Handwerker kommt. Mal ist es der Arzttermin, mal wird beim Umzug geholfen, mal beginnt das Sport-Turnier schon am Nachmittag. Der dreifache Vater nutzt die Flexibilität meist, um am Familienleben teilhaben zu können. „Meine älteste Tochter ist im Sommer in die Schule gekommen und hat davor ihren Abschluss im Kindergarten gefeiert. Mir ist es wichtig, an solchen besonderen Tagen dabei zu sein“, sagt Polke.

Individuelle Arbeitszeiten ermöglichen

Den Spagat zwischen Beruf und Familie kennt Cyriacks-Schmitt aus eigener Erfahrung. Vermutlich hat sich schon deshalb in den Mitarbeiterteams rumgesprochen,
dass die Geschäftsleitung auch für individuelle Lösungen bei der Arbeitszeitgestaltung ein offenes Ohr hat. „Als ich hier angefangen habe, hatte ich bereits Kinder. Ich habe halbtags gearbeitet und hatte zusätzlich einen Arbeitsplatz zuhause, um von dort flexibel agieren zu können, wenn mal z. B. eines der Kinder krank war – ich lebe vor, dass solche Modelle funktionieren. Genau deshalb werde ich mich auch weiter für sie stark machen.“

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