Die Tochter spielt gleich nebenan

Unternehmergenossenschaft baut arbeitsplatznahe Kindertagespflege auf

Als es klingelt, drängeln sich gleich drei Gastgeber hinter der Glastür. Um die Türklinke für den Besuch zu öffnen, müssen sie sich ziemlich strecken. Laura schafft es als erste von den dreien und übernimmt konsequenterweise auch die Begrüßung: „Was ist das?“ „Du musst fragen ,Wer ist das?‘“, korrigiert Corinna Schuhmacher lächelnd, die hinter den drei Kindern aus dem Mühlengarten steht. Der Mühlengarten ist eine betriebliche Kindertagespflege und Corinna Schuhmacher ihre Leiterin. Die Eltern von Laura und den anderen Kindern arbeiten gleich nebenan, in einer der Firmen des Oldenburger Gewerbegebiets Tweelbäke, das das rot-gelb-orange-graue Kitagebäude umgibt.

Kinderbetreuung für mehr Familienfreundlichkeit

Der Mühlengarten, das ist für Bernd Weber auch ein Herzensanliegen. „Erstmal muss man als Unternehmer sagen ,Das ist mir was wert‘ und Spaß daran haben. Dann brauche ich ein gewisses Grundvertrauen, um einfach mal zu machen.“ Weber, Geschäftsführer des Autohauses Braasch, war beim „einfach mal machen“ jedenfalls gleich dabei, als das Sozialamt der Stadt Oldenburg Unternehmen zu ihrem Bedarf und ihrer Bereitschaft zur Organisation einer betrieblichen Kinderbetreuung befragte. Neben Weber waren Bernd Titgemeyer und Frank Hullmeine, zwei weitere Unternehmer aus dem Gewerbegebiet, davon überzeugt, dass Familienfreundlichkeit ein wichtiger Zukunftsfaktor ist – und es sich deshalb nur lohnen kann, eine eigene Kinderbetreuung zu organisieren.

Bernd Weber über seine Motivation, eine Kinderbetreuung anzubieten

„Wir haben dann direkt einen Termin mit der Stadt gemacht und uns andere betriebliche Einrichtungen angesehen. Wir wollten erstmal Ideen sammeln, wie die Einrichtung aussehen könnte, welches pädagogische Konzept passen würde“, sagt Weber. Er spricht schnell und mit leiser Stimme, als wolle er die, für die er und seine Unternehmerkollegen den Mühlengarten geplant und umgesetzt haben, nicht beim friedlichen Spielen stören. Um ihr Ziel zu erreichen, erzählt Weber weiter, mussten sie auch die Frage klären, wie sich die Unternehmer am besten organisieren. Eine Veranstaltung im Universitätszentrum mit weiteren Interessenten brachte die Idee auf, sich in einer Genossenschaft zu organisieren und auf diese Weise weitere Unternehmen einzubinden.

Viele Unternehmen kümmern sich erst spät

Aus der Frage „Wie geht das?“ wurde schnell „Wer macht mit?“. „Die meisten Unternehmen kümmern sich erst im Bedarfsfall“, sagt Weber. Manchmal sind es sogar die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst, die bei Corinna Schuhmacher anklopfen. „Die hören von den Kollegen aus Unternehmen, die hier beteiligt sind, dass ihre Mitarbeiter eine Kita ganz in der Nähe ihrer Arbeit nutzen können. Sie fragen uns dann, ob sie ihr Kind auch hier in Betreuung geben können“, sagt die Erzieherin. Zum Teil wohnen die Beschäftigten eine halbe bis eine Autostunde weit entfernt von ihrem Arbeitsplatz im Gewerbegebiet Tweelbäke. „Da gilt für die Kinderbetreuung normalerweise das Wohnsitzprinzip. Das kann dann eben auch heißen, dass die Eltern im Notfall nicht sofort bei ihrem Kind sind, weil es nicht in der Kita ist, wo die Eltern arbeiten, sondern wo sie wohnen“, sagt Schuhmacher. Gerade vor ein paar Tagen standen wieder Interessenten mit diesem Problem vor der Tür. „Schicken Sie mir die Anfrage mal?“, fragt Weber.

Hinter ihm, an den kniehohen Tischen vor der Küchenzeile, drücken vier Mühlengartenkinder ihre Bäuche platt. Auf dem Tisch liegt Teig, den sie, natürlich, erstmal probieren müssen. Aber nur einmal. „Das ist die Aktion aus unserem Adventskalender für heute: Wir machen Weihnachtsbaumschmuck aus Salzteig“, sagt Erzieherin Silke Siebels. Ganz ohne Zucker lässt es sich dann auch viel konzentrierter arbeiten: Teig ausrollen, Engel, Weihnachtsbäume und Herzen ausstechen, backen und bemalen – fertig.

Auch Bernd Weber ist auf Teigfiguren gekommen. Das war kurz nach der Informationsveranstaltung im Unizentrum. Nach der passierte erstmal: nichts. Damit sich das ändert, hat Weber seine Verkäufer durchs Gewerbegebiet geschickt. Im Gepäck hatten sie Stutenkerle und das Modell betriebliche Kindertagespflege als gemeinsame und Identität stiftende Einrichtung der Arbeitgeber in der Tweelbäke. „Neben der Familienfreundlichkeit war unsere Idee auch, mit dem Mühlengarten ein Stück Regionalität in unser eher abstraktes Gewerbegebiet zu bringen. Durch die Kindertagespflege als gemeinsame Einrichtung lernt man sich ja auch untereinander noch einmal ganz anders kennen“, sagt Weber. „Ich hatte immer die Vorstellung, die Kinder mit so einem Wagen durch die Gegend zu fahren. Alle sollen sehen, dass sich etwas tut in unserem Gewerbegebiet.“

Große Außenwirkung für kleines Geld

Heute gibt es nicht nur den Turtlebus, eine Art Bollerwagen, in dem Schuhmacher und ihre Kolleginnen die Kinder durchs Gebiet schieben. Auch ein Schlafzimmer mit einer Bettenburg, ein Spielzimmer mit Bällebad, Tiefgarage und vielen anderen Spielzeugen stehen den zurzeit elf unter Dreijährigen neben dem großen Aufenthaltsraum und einem Garten zur Verfügung. Möglich gemacht haben das die rund 30 Unternehmen, die inzwischen Mitglied der Genossenschaft Mühlengarten sind. Monatlich zahlen sie zusammen 3.000 Euro an das Deutsche Rote Kreuz, das die Kindertagespflege betreibt und das Betreuungspersonal stellt. Der Grundbeitrag für jedes Unternehmen liegt bei 50 Euro monatlich, Unternehmen ab einer bestimmten Mitarbeiterzahl zahlen eine zusätzliche Pauschale je Mitarbeiter in die Genossenschaft ein. „Das ist nicht viel Geld, aber die Außenwirkung ist für viele Unternehmen enorm. Nicht nur die Mitarbeiter sehen, dass ihr Arbeitgeber sich kümmert, auch neue Bewerber finden das Betreuungsangebot attraktiv“, sagt Weber.

Es geht auf die Mittagszeit zu. Im Mühlengarten wird es ruhiger. Während der kleine Paul sich den Schlips von Bernd Weber um den Hals wickelt, drängen zwei Mädchen und zwei Jungs sich auf dem geheizten Fußboden auf und um den Schoß von Erzieherin Martina Pauls. Sie hat ein Wimmelbild aufgeschlagen, auf dem sich Menschen im Hallenbad tummeln. Bernd Weber ist froh, dass es im Mühlengarten nicht so tummelig ist. „Die Unternehmen der Genossenschaft haben zusammen mehr als 1.000 Mitarbeiter. Wie wir in den letzten Jahren festgestellt haben, liegt der Bedarf bei 0,5 bis 1,5 Betreuungsplätzen je 100 Mitarbeiter, so dass wir die persönliche Atmosphäre mit rund zehn Kindern gut halten können.“ Die ist auch Tagespflegeleiterin Schuhmacher ein Anliegen: „Auch die Eltern kennen sich untereinander. Sie tauschen sich aus und wissen, ihr Kind ist hier gut aufgehoben, es geht nicht in der Menge unter. Und das soll auch so bleiben.“

Dann fährt der Caterer des DRK mit dem Mittagessen auf den Parkplatz. Zeit, den Besuch zu verabschieden. Ein paar der kleinen Gastgeber fahren mit Rollautos zur Glastür. Schließlich ist neuer Besuch, der mit dem Essen, in Sicht.

Zur Webseite Mühlengarten

Vier Fragen an Bernd Weber, Mitinitiator der betrieblichen Kindertagespflege

Bernd Weber und Corinna Schuhmacher, die Leiterin des Mühlengartens

Was empfehlen Sie Unternehmen, die sich überlegen, ihren Beschäftigten eine Kinderbetreuung anzubieten?
Ich empfehle anderen Unternehmen, sich mit fünf Menschen zu treffen, die Lust haben, was zu bewegen, und so ein Projekt einzurichten. Ein gewisses Grundvertrauen, dass es gut wird, und der Wille, einfach mal zu machen, sollten schon da sein.

Und neben dem Willen: Wer oder was hat Ihnen geholfen, das Projekt Kindertagespflege ins Laufen zu kriegen?
In der Anfangsphase hat uns das Sozialamt der Stadt sehr geholfen, die auch das Gebäude bezuschusst hat. Als wir die ersten Genossenschaftsmitglieder hatten, haben wir uns dann in drei Ausschüssen organisiert: dem Bauausschuss, dem pädagogischen Ausschuss und dem Finanzausschuss. Die finanziellen Fragen, die mit der Einrichtung einer betrieblichen Kinderbetreuung verknüpft sind, sind zum Beispiel von der Frage „Was zahlt der Mitarbeiter“, über die Frage „Wie hoch muss der Beitrag für die Genossenschaft sein“ so vielfältig, dass sich ein Personenkreis ganz darauf konzentrieren sollte – neben dem Unternehmen, um das wir alle uns ja auch noch kümmern. Dasselbe gilt für die Fragen zum pädagogischen Konzept und zum Bauvorhaben.

Was haben Sie investiert?
Im ersten Jahr vor allem Zeit. Ich würde sagen, ich hätte mit den Vorbereitungen mindestens eine Arbeitskraft mit einer Dreiviertel-Stelle beschäftigen können, bis wir uns dann in der Genossenschaft organisiert haben und mehr Mitstreiter hatten. Die Kosten, beispielsweise für die Beteiligung am Gebäudebau und den Vertrag mit dem Betreiber, liegen für uns bei 100.000 Euro.

Und warum lohnen sich die Investitionen aus Ihrer Sicht?
Die Mitarbeiter sind total zufrieden, weil sie sehen, dass wir uns kümmern. Und was wir auch festgestellt haben: Wenn wir neue Mitarbeiter einstellen wollen, und wir stellen das Projekt vor: totale Begeisterung. Bei neuen Bewerbern kommt das ganz hervorragend an, weil wir nach außen eine Firmenkultur dokumentieren, die wir nach innen leben.

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